Der Tag, an dem sich die Welt änderte

Kommentar der anderen3. Juni 2014, 19:21
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Der 4. Juni 1989 hat Europa und Asien eine neue Wende gegeben. Der Kommunismus in Europa zerbrach, in China machte er sich auf zu autoritärer Erneuerung

Vor 25 Jahren hat die Welt ihre Richtung geändert. Am 4. Juni 1989 haben teilweise freie Wahlen in Polen das Ende des Kommunismus im Sowjetblock eingeläutet - und das Massaker auf dem Tiananmen-Platz hat dem kommunistischen China eine völlig neue Wende gegeben. Die Folgen spürt die Welt noch heute, von der Ukraine bis ins Südchinesische Meer.

Ich werde nie vergessen, wie ich an diesem Tag in eine Zeitungsredaktion in Warschau kam. Meine polnischen Freunde waren ermutigt durch die Perspektive auf einen historischen Triumph. Und plötzlich waren im Fernsehen körnige Bilder von Leibern chinesischer Arbeiter und Studenten zu sehen, die auf Behelfsbahren durch die Straßen Pekings getragen wurden. Von diesem Tag an verfolgte das Tiananmen-Gespenst Osteuropa.

"Denkt an Tiananmen!", flüsterten die Menschen von Sofia bis Ost-Berlin. "Wenn wir zu weit gehen, dann könnte uns das auch passieren." Und sie hatten recht. In Leipzig zum Beispiel war man nahe an einer gewaltsamen Unterdrückung der Proteste. In diesem Sinne war Chinas Tragödie ein Segen für Europa. Das negative Beispiel Tiananmens half den Europäern, einen Pfad der Gewaltlosigkeit, der Verhandlungen und des Kompromisses zu beschreiten.

Danach gab es Einflüsse in die andere Richtung: Die kommunistischen Führer Chinas lernten systematisch aus dem Fall des Kommunismus in Europa. Ein führender chinesischer Politiker sagte in einer Schlüsselrede 2004: "Wir bekommen tiefe Einsichten aus der schmerzhaften Lektion, die der Machtverlust der kommunistischen Parteien in Osteuropa und der Sowjetunion darstellt. Deshalb: Sorgt für Wirtschaftswachstum; verliert nie den Sinn für das, was die Massen denken; führt eine reguläre Rotation in der Führungsschicht ein; rekrutiert die vielversprechendsten, energiegeladensten und ambitioniertesten Studenten für die kommunistische Partei, ungeachtet ihrer Herkunft. Und: Unterdrückt gnadenlos alle Versuche von Selbstorganisation und kollektiver Aktion, denn das hat die europäischen Genossen gestürzt."

Bemerkenswerte Erfolge

Beide Wege haben im vergangenen Vierteljahrhundert bemerkenswerte Erfolge gezeitigt. China hat ein enormes Wirtschaftswachstum erlebt und eine signifikante Erhöhung der individuellen Freiheiten. Chinas Staatsfernsehen sendet nur allzu gern Bilder des Blutbades in der Ukraine. "Seid ihr nicht dankbar", so lautetet die nicht besonders subtile Botschaft, "dass wir nicht jenen amerikanisch inspirierten Weg der samtenen Revolutionen genommen haben? Ihr seht ja, wohin das führt." Viel weniger oft werden dagegen Bilder eines freien, prosperierenden, demokratischen Polens gezeigt.

Es gibt einen weiteren interessanten Unterschied: Was Polen am 4. Juni 1989 gelang, war originell. Es hat einen neuen Weg des friedlichen Regimewechsels erfunden. Was dort seither geschehen ist, war gut, aber eben nicht originell. Das politische, ökonomische und legistische System ist eine Mischung aus gut erprobten westeuropäischen Modellen.

Der 4. Juni in China dagegen war äußerst unoriginell. Deng Xiaoping hat getan, was kommunistische Führer immer taten, wenn sich Frauen und Männer spontan für Freiheit einsetzten: Er ließ auf sie schießen. Im Gegensatz dazu war das, was China seit 1989 gemacht hat, extrem originell: eine dynamische Marktwirtschaft und die fortgesetzten Einparteienherrschaft zu kombinieren. Also das, was wir uns alle vor 25 Jahren nicht vorstellen konnten, den leninistischen Kapitalismus. Deswegen ist China heute für mich der interessanteste Platz auf der Welt. Hier gibt es etwas Außergewöhnliches in der Politik: ein neues Experiment mit völlig unbekanntem Ausgang.

Trotz der Bemühungen Wladimir Putins, die Uhr zurückzudrehen, bin ich mir ziemlich sicher zu wissen, wo Polen in zehn Jahren stehen wird: Es wird eine liberale europäische Demokratie sein, Teil des Westens, im selben Boot mit Frankreich und Deutschland. Aber China? Wird es seine Reise weiterhin ohne Karte fortsetzen können, den Fluss überquerend, indem es nach den Steinen tastet, wie es Deng so treffend gesagt hat? Oder werden die Gegensätze zwischen dem politischen und dem ökonomischen System, die wachsenden Spannungen in seiner Gesellschaft zu einer weiteren Krise führen? Und wenn, wird diese Krise wünschenswerte Reformen auslösen oder gefährlichen Nationalismus eindämmen, der sich etwa durch militärisches Abenteurertum im Südchinesischen Meer manifestiert? Oder führt Zweiteres zu Ersterem? Oder sogar zu etwas noch Schlimmeren?

They'll come again

Ist es möglich, dass das, was James Fenton zornig einige Tage nach dem Massaker gedichtet hat - "They'll come again / To Tiananmen" - eintritt? Ist es möglich, dass die Opfer dann als Märtyrer und Helden gefeiert werden auf diesem Platz des immlischen Friedens? Hätte jemand Anfang der 1980er-Jahre behauptet, dass noch vor dem Ende des Jahrzehnts die Führer des Ungarnaufstandes von 1956 feierlich auf Budapests Heldenplatz wiederbestattet werden würden, hätte das niemand geglaubt. Aber genau das ist wenige Tage nach der historischen Wahl in Polen passiert.

Ein chinesisches Äquivalent ist möglich, aber es erscheint derzeit nicht wahrscheinlich. China scheint sich weiter entlang seines äußerst unterschiedlichen Weges zu entwickeln. Und das führt uns zu einem letzten, aussagekräftigen Kontrast: In Warschau feiern die Polen diese Woche laut und stolz ihren 4. Juni im Beisein Barack Obamas. In Peking dagegen werden die Fakten, die Fotos, die Namen und sogar die Trauerrituale der Mütter in Orwell'scher Manier unterdrückt werden. Noch immer fürchtet sich jemand vor Banquos Geist.

Persönlich hoffe und bete ich, dass China seinen eigenen friedlichen Weg nach vorn finden wird, der auf seinen Erfolgen nach 1989 aufbaut und gleichzeitig die offensichtlichen Fehler korrigiert. Aber eines weiß ich: Wir werden nur dann sagen können, dass China zu einem stabilen Staat geworden ist, wenn es sich ruhig und öffentlich seiner schwierigen Vergangenheit stellen kann. (Timothy Garton Ash, DER STANDARD, 4.6.2014)

Timothy Garton Ash (58) ist Professor für European Studies an der Oxford University.

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