Anatomiestunde mit Genets "Die Neger"

3. Juni 2014, 22:41
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Nach Aufregung im Vorfeld störungs- und spannungsfreie Festwochen-Premiere

Wien – In Jean Genets selten gespieltem Stück "Die Neger" türmt ein Außenseiter der Gesellschaft – der homosexuelle Autor – Provokation auf Provokation. Eine Gruppe Farbiger vertreibt sich und einem Hofstaat Weißer die Zeit, indem der Allgemeinheit vorgaukelt wird, die Zeit zur Beendigung der Unterdrückung wäre gekommen. Skandalträchtig ist nicht so sehr das Stück, sondern die köstliche Unverfrorenheit, mit der Genet die französische Tragödiendichtung kapert. Er schlachtet sie aus und erstattet sie den Ausgebeuteten zurück.

Nach einiger pflichtschuldiger Vorabempörung ist es nun Zeit, das Signal zur Entwarnung zu geben. Johan Simons hat im Auftrag der Wiener Festwochen eine papierene Wortoper aufführen lassen. Deren Gruseligstes ist der Titel. Im Theater Akzent besteht die "Clownerie" in der Zurschaustellung schwarzer und weißer Pappmasken. Im Schutze schauspielerischer Anonymität (die Masken!) wird vor weißen Papierstreifen (Bühne: Eva Veronica Born) eine Anatomielehrstunde gehalten. Erbracht werden soll der Beweis, Schwarze töteten für ihr Leben gern weiße Frauen.

Erstaunlich bleibt jedoch einzig der sakrale Ernst, mit dem Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, Genets frechen Karneval in ein Oratorium umgewidmet hat. Die Hauptrolle spielt leider Peter Steins hüftsteifer und unpoetischer Übersetzungstext ins Deutsche. Kein Skandal, nirgends, sondern die schrecklich mutlose Abarbeitung alter Kämpfe um Bedeutung und kulturellen Besitz. Der einzige Farbige (Felix Burleson) zog sich als Zeuge des Hochamts nach dem Massaker aller an allen höflich zurück. Allein höflich war auch der Applaus. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 4.6.2014)

  • Artikelbild
    foto: apa/herbert pfarrhofer
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