"Springen Sie, sooft Sie können, über Ihren Schatten"

3. Juni 2014, 18:50
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Symposium zum österreichischen Selbstverständnis anlässlich des 20. Todestages des Psychiaters Erwin Ringel

Wien - Österreich als Brutstätte der Neurosen und als Verdrängungsgesellschaft - als der Psychiater Erwin Ringel 1984 einen Sammelband mit Reden über "Die österreichische Seele" veröffentlicht, bringt ihm das Interesse und Anerkennung, aber auch jede Menage Anfeindungen ein. Wie sich der Österreicher zum Meister im Verdrängen macht, beschreibt Ringel mit der Metapher einer Wohnung: "Der Österreicher hat eine Zweizimmerwohnung. Das eine Zimmer ist hell, freundlich, die 'schöne Stube', gut eingerichtet, dort empfängt er die Gäste. Das andere Zimmer ist abgedunkelt, finster, verriegelt, unzugänglich, völlig unergründlich."

Aus Anlass von Ringels 20. Todestag fand Montagabend im Wiener Radiokulturhaus ein Symposium zum österreichischen Selbstverständnis statt. Um die österreichische Seele zu verstehen, muss man sich zunächst dem Seelen-Begriff nähern. Das tat Michael Musalek, Vorstand des Anton-Proksch-Instituts und Vorsitzender der Erwin-Ringel-Stiftung, in einem historischen Streifzug.

Die abendländische Vorstellung der Seele beginnt bei Platon, der sich die Seele als zweigliedrig vorgestellt hat. Er verglich sie mit einem Pferdegespann, das in unterschiedliche Richtungen zieht. Im Mittelalter griff Wilhelm von Ockham Platons Idee auf und entwickelte sie weiter. Er sprach von zwei Seelen, die unabhängig voneinander in uns wirksam sind.

Ein paar hundert Jahre später wird Ringel von der "Ambivalenz des Österreichers" sprechen - von der sensitiven, der emotionalen Seele und von der intellektuellen, kognitiven Seele, die in ständigem Widerstreit stehen.

Ungestilltes, Unstillbares

Bei Friedrich Nietzsche gab es viele Seelen. Im Nachtlied schrieb er: "Meine Seele ist das Lied eines Liebenden. Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden." Das "könnte auch Leitmotiv für die österreichische Seele sein", meint Musalek.

Ungeklärt bis heute: Wie Seele und Körper kommunizieren. In der Hirnforschung hat man verschiedene Regionen des Gehirns dafür verantwortlich gemacht, "doch man hat diesen Ort nicht gefunden und wird ihn nie finden", so Musalek. Denn die Seele ist nichts Stoffliches und die Kommunikation mit dem Körper nicht an einer konkreten Stelle lokalisierbar. Die Kommunikation wird in psychosomatischen Erkrankungen sichtbar - auch dieses Verständnis geht auf Ringel zurück. In den 1950er-Jahren gründete er die erste psychosomatische Station.

Wie sich in der anschließenden Podiumsdiskussion herausstellte, sind Ringels Thesen immer noch aktuell. Wenn wir heute nach dem österreichischen Selbstverständnis fragen, gibt es drei Bilder, die den Diskurs beherrschen, sagt Musalek: Leistungsgesellschaft, Informationsgesellschaft und Genussgesellschaft. Bei genauerem Hinsehen stellt sich die Leistungsgesellschaft aber eher als Erfolgsgesellschaft heraus: Es zählt nur der Erfolg, unabhängig davon, wie sehr wir uns bemühen. Die Informationsgesellschaft könne schnell als Infotainment-Gesellschaft entlarvt werden. Musalek: "Leider leben wir auch nicht in einer Genussgesellschaft, sondern in einer Spaßgesellschaft." Unsere Gesellschaft sei viel mehr auf rasches Vergnügen ausgerichtet als auf dauerhafte Freude.

Es brauche in Österreich eine Hinwendung zur Leistungs-, zur Informations-, zur Genussgesellschaft. Musalek nannte konkrete Handlungsfelder: "Wir müssen unsere Kinder in der Erziehung nicht so neurotisieren und wir können Fremde auch anders behandeln." Ein Rat von Erwin Ringel, der dabei vielleicht helfen kann: "Springen Sie, sooft Sie können, über Ihren Schatten." (Tanja Traxler, DER STANDARD, 4.6.2014)

  • Sein Engagement in der der Selbsttötungsprävention brachte Erwin Ringel den Spitznamen "Mr. Suizid" ein.
    foto: robert newald

    Sein Engagement in der der Selbsttötungsprävention brachte Erwin Ringel den Spitznamen "Mr. Suizid" ein.

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