Saxofontöne existenzieller Dringlichkeit

3. Juni 2014, 18:38
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Wayne Shorter gastiert am Mittwoch mit seinem Quartett im Wiener Konzerthaus

Wenn Wayne Shorter über die Musik seines Quartetts spricht, dann nimmt er nur selten das Wort "Improvisation" in den Mund. Viel lieber spricht er von "kollektiven Kompositionsprozessen": Der Gegensatz von Solo und Begleitung ist weitgehend aufgehoben, jeder Musiker folgt seinen eigenen Assoziationen und bleibt dabei doch auf Tuchfühlung mit den Kollegen. Die Stücke sind Startrampen für gemein same Expeditionen ins Unkalkulierbare. Wobei Wayne Shorter selbst die dichte musikalische Textur an Sopran- und Tenorsaxofon immer wieder mit sparsamen Tönen übermalt, die Verlorenheit wie reife Abgeklärtheit atmen.

Die 2013 publizierte CD Without A Net (Blue Note) zeigt, weshalb der mit Danilo Perez (Klavier), John Patitucci (Bass) und Brian Blade (Schlagzeug) bestückte Vierer seit der Gründung 2000 zu einer der bedeutendsten Working Groups des Gegenwartsjazz avanciert ist: Das Quartett summiert die Erfahrungen des 80-jährigen Saxofonisten aus Newark, New Jersey, der in den 1960ern von Art Blakey und Miles Davis auf den Weg gebracht wurde und ab 1970 mit Joe Zawinul und Weather Report Musikgeschichte schrieb.

Die heute in diesem inspirierten Kontext entstehende Musik ist das beeindruckende Spätwerk eines Musikers, der von der Relevanz seines Tuns über klingende Zusammenhänge hinaus überzeugt ist. Wie formulierte Shorter doch einmal? "Wir Musiker sind die, die uns öffnen, um verwundbar zu sein. Wir sind die, die hinter die Oberfläche blicken. Miles Davis sagte: Wirst du nicht müde, nur Töne zu spielen? Was ist mit der Message? Wobei eine kritische Haltung gegenüber einer Partitur auch eine kritische Sichtweise der Mechanismen bedingt, die uns Menschen kontrollieren." (felb, DER STANDARD, 4.6.2014)

4.6., Konzerthaus, 19.30

  • Wayne Shorter blickt mit seinem Quartett hinter die Oberfläche: heute, Mittwoch, im Konzerthaus.
    foto: ap / claude paris

    Wayne Shorter blickt mit seinem Quartett hinter die Oberfläche: heute, Mittwoch, im Konzerthaus.

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