Inflation fällt, Druck auf die EZB steigt

3. Juni 2014, 18:57
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Die Europäische Zentralbank scheitert deutlich an ihrem Inflationsziel, Ökonomen und Analysten erwarten daher noch niedrigere Zinsen

Frankfurt/Wien - Am Donnerstag wird es im 36. Stock des Euro Tower in Frankfurt heiß hergehen. Wenn Europas oberste Geldpolitiker über ihre nächste Zinsentscheidung beraten, haben sie neue Zahlen zur Wirtschaft im Euroraum auf dem Tisch. Und die zeugen davon, dass die Europäische Zentralbank an ihrer Zielvorgabe klar scheitert: Statt der angepeilten zwei Prozent Inflation lag die Teuerung im Mai nur bei 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Das ist so niedrig wie im März und so tief wie seit der Finanzkrise nicht, geht aus den Daten der Statistikbehörde Eurostat hervor. Die Kerninflation - die Teuerung ohne der Energiepreise - ist ebenso auf den niedrigsten Stand von 0,6 Prozent gefallen, nur zum Jahresbeginn 2010 war sie ähnlich niedrig. Lediglich in Ländern wie Deutschland oder Österreich ist die Inflation näher am offiziellen Ziel der EZB.

Gefahr für Konjunktur

Zu niedrige Inflation wird von den Währungshütern für gefährlich eingestuft. Denn sie erschwert gerade in Südeuropa den Schuldendienst für verschuldete Staaten, Unternehmen und Haushalte, und bedroht damit die schwache Konjunktur in der Eurozone. Tatsächlich steht die wirtschaftliche Entwicklung in Europa weiter auf wackeligen Beinen, denn  die Arbeitslosigkeit ist weiter hartnäckig hoch. Im April waren immer noch 11,7 Prozent der Erwerbsbevölkerung in der Eurozone ohne Job.

"Es ist klar, dass die EZB etwas tun wird. Handelt sie nicht, wird Schaden angerichtet", zeigt sich Ansgar Belke im Standard-Gespräch vom Bedarf zu baldigen Schritten überzeugt. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Duisburg-Essen und Berater des EU-Parlaments in geldpolitischen Fragen. Der von Belke befürchtete Schaden würde entstehen, wenn die EZB entgegen anderer Ankündigungen - etwa von EZB-Präsident Mario Draghi Anfang Mai - nicht auf die niedrige Inflation reagiert. Dann könnten Investoren das Vertrauen in das Zwei-Prozent-Ziel der EZB verlieren. Doch welche Instrumente hätte die EZB im Kampf gegen zu niedrige Inflation?

Noch tiefere Zinsen

Im Schnitt erwarten Investoren aktuell eine Zinssenkung von 0,25 auf 0,1 Prozent, hat die deutsche Deka Bank auf Basis von Geldmarktzinsen errechnet. Auch bei der auf Anleihen spezialisierten US-Investmentgesellschaft Pimco, die rund 1500 Milliarden Euro an Vermögen verwaltet, erwartet man eine Senkung des Leitzinses. Zudem dürften die Renditen lange niedrig bleiben. "Bis 2024 werden die Leitzinsen in der Eurozone unter der Inflationsrate liegen", erwartet der Leiter des deutschen Portfoliomanagements, Andrew Bosomworth.

Unkonventionelle Maßnahmen

Er erwartet zudem negative Einlagenzinsen. Damit werden Banken mit einem Strafzins belegt, wenn sie Geld bei der EZB horten (zuletzt waren es 31 Milliarden Euro). Mit Anleihenkäufe wie in den USA rechnen Experten wie Bosomworth und Belke hingegen nicht.

Ankurbelung der Kreditvergabe

Die EZB könnte zudem versuchen, den Kreditkanal aufzustoßen: "Nach wie vor gibt es Probleme bei den Kreditmärkten, gerade im Süden Europas", betont Belke. Zur Bekämpfung könnte sich die EZB Anleihen bei den britischen Kollegen von der Bank of England nehmen. Die haben 2012 ein Programm aufgelegt, um Banken zur Kreditvergabe an die Realwirtschaft zu animieren (Funding for Lending). Diese erhalten günstige Finanzierung der Notenbank, wenn sie Kredite vergeben. Belke erwartet ein ähnliches Programm für die Eurozone. Auch andere Formen der Kreditförderung werden ausgelotet. So sondiert die EZB, wie sie den Markt für verbriefte Unternehmenskredite ankurbeln könnte. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 3.6.2014)

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