Politologe: "Die Burschenschaften reagieren auf Raumverlust"

Interview3. Juni 2014, 18:12
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Am Mittwoch begehen deutschnationale Burschenschaften in Wien das "Fest der Freiheit". Politologe Bernhard Weidinger erklärt, welche Freiheit sie dabei meinen

STANDARD: Das österreichische Verbindungswesen ist ein weites Feld. Was unterscheidet die Akteure?

Weidinger: Es gibt die deutschnationalen oder völkischen, meist schlagenden Verbindungen einerseits und die katholischen Verbindungen andererseits. Beide Lager unterteilen sich in Mittelschul- und Hochschulverbindungen. Die Burschenschaften sind Teil der deutschnationalen Hochschulverbindungen, und zwar jener mit der deutlichsten politischen Programmatik, während etwa die Corps eine relativ große Beliebigkeit an den Tag legen - freilich auf deutschnationaler Grundlage.

STANDARD: Was ist das politische Programm der Burschenschaften?

Weidinger: Sie wollen ihren Mitgliedern nicht nur politisches Interesse und Teilnahme am politischen Geschehen anerziehen, sondern selbst als politische Akteure wirksam sein - im deutschnationalen beziehungsweise völkischen Sinn. Als ihre zentrale Mission nach 1945 verstanden die Burschenschaften die Bewahrung der Idee von Österreich als deutschem Staat und der österreichischen Mehrheitsbevölkerung als kulturell deutsch.

STANDARD: Anhänger des Deutschnationalismus dürften das Publikum des "Festes der Freiheit" ausmachen. Die Veranstalter beziehen sich auf die bürgerliche Revolution von 1848. Warum?

Weidinger: Die Bezugnahme auf 1848 erfüllt mehrere Zwecke: Der zentrale ist wohl Imagekorrektur. Die Burschenschaften wollen ein positives Bild von sich vermitteln, indem sie auf 1848 zurückgreifen. Sie wollen die damit verbundenen Assoziationen nützen, also liberale Forderungen wie den Einsatz für Meinungsfreiheit. Eine solche Tradition scheint heute eher geeignet, Legitimität zu spenden, als die im öffentlichen Bewusstsein dominante Verknüpfung von Deutschnationalismus mit Nationalsozialismus und Antisemitismus. Diese Verknüpfung will man kappen und den Deutschnationalismus nach Auschwitz rehabilitieren, der in der Fassung von 1848 demokratiekompatibler auftritt als 1938. Die Bezugnahme auf 1848 dient aber auch dazu, einen Führungsanspruch zu stellen - nach dem Motto: So, wie damals Burschenschafter dem Volk vorangeschritten seien im Kampf um Freiheitsrechte und Demokratie, so sei man heute bereit, das zu tun.

STANDARD: Was unterscheidet den burschenschaftlichen Freiheitsbegriff vom liberalen?

Weidinger: Freiheit ist ein zentraler Begriff in der burschenschaftlichen Ideologie, er steckt in der Wertetrias aus "Ehre, Freiheit, Vaterland". Damit ist im völkischen Denken zunächst kollektive Freiheit gemeint, also die Freiheit der Völker, die den individuellen Freiheiten des Menschen übergeordnet wird. Individuelle Freiheit findet ihre Grenze dabei nicht in der Freiheit anderer Individuen, sondern in den vermeintlichen Interessen der völkischen Gemeinschaft. Hier trennt sich das, was sich "freiheitlich" nennt, vom Liberalen.

STANDARD: Stehen Veranstaltungen wie das Fest am 4. Juni für ein Rückzugsgefecht einer marginalisierten Gruppe oder für Stärke?

Weidinger: Burschenschaften befinden sich nach 1945 in einer grundlegenden Legitimationsnot - aufgrund ihrer engen, personellen wie ideologischen Verstrickung in das NS-Regime und dessen Verbrechen. Deswegen haben sie seit ihren Wiedergründungen in den 50er-Jahren versucht, Legitimität zurückzugewinnen, allerdings gerade nicht durch kritische Selbstbeschau und Reform, sondern durch Geschichtsklitterung und trotziges Beharren.

STANDARD: Inwiefern kämpfen sie dabei auch um physische Räume?

Weidinger: Man kann dieses Fest durchaus als Reaktion auf einen Raumverlust deuten. Die Burschenschaften reagieren damit auch auf die Entziehung des Heldenplatzes als Veranstaltungsort für ihr Toten- und "Heldengedenken" am 8. Mai durch den Verteidigungsminister. Dabei war schon die Einführung dieses Gedenkens auf dem Heldenplatz 1997 meiner Deutung nach eine Reaktion auf einen Raumverlust: Bis dahin haben die Burschenschaften eine jährliche Gedenkfeier an der Uni Wien abgehalten. Das wurde vom Rektorat Mitte der 1990er-Jahre nicht mehr genehmigt. Darauf reagierte man in burschenschaftlicher Tradition eben "standhaft", "mannhaft" und trotzig - indem man einen neuen Raum suchte und für sich reklamierte.

STANDARD: Man drängt in den sichtbaren Bereich der Gesellschaft?

Weidinger: Man will von der Peripherie ins Zentrum, bildlich wie physisch. In Salzburg und Linz fanden die ersten Korporiertenbälle der Nachkriegszeit im jeweiligen Hauptbahnhof statt, 1954 zog man ins Festspielhaus beziehungsweise ins Kaufmännische Vereinshaus um. Diese Bewegung steht auch für die Rückkehr der Burschenschaften vom Rand in die Mitte der Gesellschaft.

STANDARD: Wollte man nicht eher an die Spitze der Gesellschaft als in die Mitte?

Weidinger: Der burschenschaftliche Elitarismus ruht auf mehreren Säulen: Auf der Selbstwahrnehmung als Wertelite, die mit einer überlegenen Moral ausgestattet ist, und als Bildungselite, weil es sich um akademische Verbindungen handelt. Daraus leitet man einen gesellschaftlichen Führungsanspruch ab, der sich allerdings in den Nachkriegsjahrzehnten kaum und heute realistischerweise wohl nur über die Freiheitliche Partei verwirklichen lässt.

STANDARD: Apropos FPÖ: Bezieht sich das Fest auch auf aktuelle politische Debatten in Österreich?

Weidinger: Eine quasi tagespolitische Motivation besteht in der Forderung nach Meinungsfreiheit, die in burschenschaftlichen Kreisen häufig erhoben wird. Dahinter steht die Wahrnehmung, dass die freie Meinungsäußerung in Österreich durch Denk- und Sprechverbote beschränkt sei, dass Linke und Liberale eine Art "Meinungsdiktatur" errichtet hätten. In diesem Zusammenhang wird standardmäßig auf 1848 verwiesen: So wie man damals gegen Reaktion, Kaiser und Zensur aufgetreten sei, so stelle man sich heute gegen die Political Correctness. Oft verbirgt sich hinter der burschenschaftlichen Forderung nach Meinungsfreiheit aber allzu offensichtlich die Forderung nach einem Recht auf Verhetzung, auf rassistische Sprache, auf Wiederbetätigung und Geschichtsfälschung.

STANDARD: Viele Burschenschaften verweisen darauf, dass sie im Nationalsozialismus aufgrund ihrer Freiheitsliebe verboten wurden. Gilt das Argument?

Weidinger: Formalistisch betrachtet, ist es richtig, dass nach dem "Anschluss" die völkischen deutschnationalen Verbindungen aufgelöst wurden. Das geschah aber nicht, weil man sie für ideologisch unzuverlässig oder gar für Widerständler gehalten hätte, sondern, weil das NS-Regime keine Organisierung außerhalb seiner eigenen Strukturen geduldet hat. Stattdessen wurde den Burschenschaften - anders als liberalen, jüdischen und katholischen Verbindungen - angeboten, sich als Kameradschaften im Rahmen des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes in die Partei zu integrieren, was die meisten Burschenschaften auch getan haben. Die Behauptung eines Verbots im Nationalsozialismus beugt die Wahrheit also gerade so weit, wie es zulässig ist, um noch nicht als Lüge durchzugehen. (Lisa Mayr, DER STANDARD, 4.6.2014)

Bernhard Weidinger (32) ist Politikwissenschafter und Lehrbeauftragter an der Uni Wien. Studien in Wien und Granada, Dissertation über akademische Burschenschaften in Österreich nach 1945 (erscheint Ende 2014 bei Böhlau). Gastforscher am Center for Right-Wing Studies der University of California at Berkeley, aktuell Edith-Saurer-Stipendiat. Mitbegründer der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (www.fipu.at).

Twitter: @bweidin

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  • Oft verberge sich hinter der Forderung nach Meinungsfreiheit die Forderung nach einem Recht auf Verhetzung, so der Forscher.
    foto: apa

    Oft verberge sich hinter der Forderung nach Meinungsfreiheit die Forderung nach einem Recht auf Verhetzung, so der Forscher.

  • Oft verberge sich hinter der Forderung nach Meinungsfreiheit die Forderung nach einem Recht auf Verhetzung, so der Forscher.
    foto: apa

    Oft verberge sich hinter der Forderung nach Meinungsfreiheit die Forderung nach einem Recht auf Verhetzung, so der Forscher.

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    foto: apa

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