Brasiliens Klubfußball im Würgegriff

3. Juni 2014, 18:04
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Kurz vor der WM im eigenen Land droht die Krise. Dabei schien sich der Campeonato als beste Meisterschaft hinter Europas Top Fünf zu etablieren

Brasilia - Ende 2012 schien der brasilianische Klubfußball zu blühen. Corinthians São Paulo gewann in Japan mit einem 1:0 im Endspiel gegen Chelsea die Klub-WM. Und ein junger Mann namens Neymar widerstand den europäischen Lockrufen und erklärte, weiterhin für den FC Santos stürmen zu wollen - zumindest bis 2014, bis zur WM-Endrunde im eigenen Land.

Freilich, der Patriotismus des 20-Jährigen war von sieben verschiedenen Firmen gefördert worden, die sich an den durch das Werben von Real Madrid und des FC Barcelona deutlich gestiegenen Lohnkosten für Neymar beteiligt hatten. Im Hintergrund soll Staatspräsidentin Dilma Rousseff die Fäden gezogen haben.

Schon durch die Vergabe der WM an Brasilien vor sieben Jahren war das Interesse an der nationalen Meisterschaft, am Campeonato Brasileiro Série A, deutlich gestiegen. Altstars wie Ronaldinho, der Portugiese Deco oder der Niederländer Clarence Seedorf zogen ein Engagement in Brasilien den Petro-Dollar-Ligen in Katar oder Dubai vor. Junge Brasilianer wie Neymar, Lucas oder Oscar blieben daheim oder wechselten erst für Ablösesummen nach Europa, die dem Gesamtbudget ihrer Vereine entsprachen.

Mittlerweile ist die Euphorie dahin, scheint doch die WM im eigenen Land eher ein Fluch als ein Segen für die Vereine zu sein. Sponsorgelder fließen fast ausschließlich in den Megaevent. Für die Klubs bleibt kaum etwas übrig, und nicht wenige Präsidenten der Série A wissen noch nicht, wie sie bis zum Jahresende über die Runden kommen sollen.

Ende der vergangenen Saison wurde die Szene durch Gewaltexzesse in den Stadien erschüttert und die Glaubwürdigkeit des Spielbetriebs infrage gestellt, als Portuguesa wegen eines nicht qualifizierten Spielers mit vier Strafpunkten belegt worden war. Das bedeutete für den kleinen Klub aus São Paulo den Abstieg. Den Meister von 2012, Fluminense aus Rio de Janeiro, bewahrte diese Entscheidung am Grünen Tisch vor ebendiesem.

Seit Anfang April läuft die nationale Meisterschaft wieder, allerdings plant die Spielervereinigung Bom Senso FC ("Gesunder Menschenverstand") einen Generalstreik, um gegen die schlechten Bedingungen für die rund 20.000 Profis im Land zu protestieren. Die Spieler der Topklubs seien mit bis zu 90 Pflichtspielen pro Jahr völlig überbelastet. Wer dagegen bei kleineren Profivereinen in unteren Ligen spiele, erhalte nicht einmal einen Mindestlohn, weil die Wettbewerbsphase lediglich zwei bis drei Monate dauere.

Dass die Série A wegen der WM nach nur neun Runden für einen ganzen Monat unterbrochen werden muss, ist ein besonderes planerisches Kunststück. Als die Seleção längst ihre Vorbereitung begonnen hatte, fanden noch Spiele statt - relativ unverfälscht immerhin, weil im WM-Kader nur vier Spieler stehen, die bei brasilianischen Klubs ihr Geld verdienen.

Vorläufig stößt die Kritik beim brasilianischen Verband CBF auf taube Ohren. Er verweist auf positive Kennzahlen. Die Liga setze rund 1,1 Milliarden Dollar um und sei damit die sechstgrößte der Welt hinter den "Big Five" von Europa (England, Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich), schrieb das US-Wirtschaftsmagazin Forbes vor wenigen Monaten. Wie die Londoner Marktanalysten von Brand Finance berechneten, gehören vier brasilianische Klubs zu 50 Sportvereinen mit dem höchsten Marktwert.

Auf Platz 45 findet sich als einer der Absteiger des letzten Jahres der FC Santos, obwohl Neymar dann doch nicht anders konnte, als nach Barcelona zu wechseln - ein Jahr vor der WM um fast 100 Millionen Euro. (APA, lü, DER STANDARD, 4.6.2014)

  • Frederico Chaves Guedes, kurz Fred, ist der berühmteste Spieler der  Seleção, der noch bei einem Klub in Brasilien unter Vertrag steht - als  Kapitän bei Fluminense in Rio de Janeiro.
    foto: ap/dana

    Frederico Chaves Guedes, kurz Fred, ist der berühmteste Spieler der Seleção, der noch bei einem Klub in Brasilien unter Vertrag steht - als Kapitän bei Fluminense in Rio de Janeiro.

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