Im Opernsalon der Präzision

3. Juni 2014, 18:02
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Premiere von Mozarts "Così fan tutte" bei den Wiener Festwochen im Theater an der Wien: Regisseur Michael Haneke setzt das Treueexperiment subtil um und entwirft ein Kammerspiel der Konflikte

Wien – Recht düster gestimmt ist Don Alfonso. In seiner neuen Villa hat er zwar zur Housewarming-Party geladen. Nicht einmal als Gastgeber, der Rokoko als zwangloses Verkleidungsmotto ausgab, vermag er hinter seiner Galanterie zu verbergen, dass ihn und seine Gattin nur noch Destruktivität aneinanderbindet. Despina wird wohl woanders übernachtet haben. Allerdings war dies nur ein Revanchefoul an Don Alfonso, dem sie Abstecher in ferne Schlafzimmer übelnimmt.

Der Ehealltag ist jedenfalls gespickt mit Demütigungen – auch die Anwesenheit der Gäste vermag den Konflikt nicht zu kühlen: Es ersinnt Don Alfonso sogar ein Spiel, um Despina mit Beweisen weiblicher Flatterhaftigkeit zu triezen. Sadistisch schlau von Don Alfonso: Es wird der sektnippenden Gesellschaft nebstbei so ja auch ein voyeuristischer Zeitvertreib kredenzt, bei dem Guglielmo und Fiordiligi, Dorabella und Ferrando Spielfiguren sind.

Mit der eleganten Idee, Despina (bei Mozart Dienerin) in eine zerrüttete emotionale Beziehung zu Don Alfonso zu stellen (ideal die kühle Präsenz, stimmlich blass: William Shimell), hat Regisseur Michael Haneke auf einer neuen Beziehungsebene düstere Energien freigesetzt, die das Psychospiel zusätzlich befeuern.

Lustig ist hier rein gar nichts. Lächerlich maskiert (mit Marx-Brothers-Bärtchen) bestreiten zwar Guglielmo und Ferrando das Spiel. Mit roter Pappnase versieht Despina (solide: Kerstin Avemo) mitunter ihre Rolle als Mitspielerin. Doch jeder Versuch, Partyheiterkeit zu inszenieren, mündet in einer noch tieferen Zersetzung von Rollen und Identitäten. Was umso stärker wirkt, als jederzeit klar ist, wer ursprünglich zu wem gehört hat.

Sehr diskrete Gestik

So wird das Salon-Einheitsbühnenbild (Christoph Kanter) mit Kamin, Bücherregal, einer Himmelsaussicht und der heftig frequentierten Bar zu Hanekes Seziertisch, auf dem er Emotionen freilegt. Das ist der Kern seiner Opernkompetenz: Kleinste Regungen vermittelt er mit diskreter Gestik, er bedarf keines derben Aktionismus, um deutlich zu werden. Eher sind es Reduktionen, etwa jene Momente der Musik stille, die psychologische Verdichtung und Erhellungen ermöglichen – bei Charakteren, die staunende Zeugen und Verursacher ihre Wandlungen sind.

Im Grunde geht es hier zunächst nicht nur darum, wie das Treueexperiment ausgeht. Eher ist die Frage, wer das heuchlerische Spielchen für die Partygäste länger durchhält – Don Alfonso oder Despina. Deren Konflikt hat sich quasi als Treuespiel der anderen maskiert. Natürlich geht es jedoch auch um Guglielmo und Fiordiligi, um Dorabella und Ferrando. Haneke führt sie mit hoher Präzision Richtung Desillusionierung. Ohne Versöhnung: Wie alle seelischen Abgründe offenliegen, wie alle Konflikte ihren Höhepunkt überschreiten, ist neue Ordnung somit nicht zu entdecken. Sie scheint unmöglich: An der Rampe stehen die Figuren wie eine lebende Kette, zerren aneinander, ohne nach der Spielwanderschaft ihrer Zuneigungen in ihre Ursprungsrollen zurückzufinden.

Das war keine umstürzlerische Arbeit von Haneke, aber eine selten genaue Analyse der Beziehungsseele, die von der Musikseite her vor allem dramatisch-herbe Unterstützung bekam. Dirigent Sylvain Cambreling und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen akzentuieren scharf und betonen die harmonischen Reibungen. Das hat Charakter. Grundsätzlich fehlt es diesem Orchesterklang jedoch an Aura. Er wirkt zusehends matt, ja anämisch und vermag das Poetische der Partitur nicht aufleuchten lassen.

Zudem funktioniert die Koordination von Bühne und Orchester vor allem im ersten Akt nicht immer, wie auch gesanglich keiner durchgehend überragend wirkt: Engagiert, aber vokal etwas flatterhaft die Damen (Anett Fritsch als Fiordiligi, Paola Gardina als Dorabella), klangschön, aber etwas zu kraftvoll Juan Francisco Gatell (als Ferrando), solide Andreas Wolf (als Guglielmo). Großer Applaus – zu Recht, aber vor allem doch für Gefühlsforscher Haneke. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 4.6.2014)

  • Paola Gardina (Dorabella), Juan Francisco Gatell (Ferrando), William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo) und Anett Fritsch (Fiordiligi, v. li.) und über ihnen Kerstin Avemo (Despina).
    foto: apa/javier del real

    Paola Gardina (Dorabella), Juan Francisco Gatell (Ferrando), William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo) und Anett Fritsch (Fiordiligi, v. li.) und über ihnen Kerstin Avemo (Despina).

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