Mit grünen Oberflächen gegen urbanen Klimawandel

3. Juni 2014, 17:07
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Mehr begrünte Dächer und Außenmauern sowie durchlässige, atmungsaktive Befestigungen für Fahrbahnen und Gehsteige: Damit ließen sich die Folgen des Klimawandels in den Städten deutlich abmildern, zeigt eine neue Studie

Wien - Eine Wärmeinsel ist kein paradiesischer Urlaubsort mit weißem Sand und tropischen Temperaturen. Im großstädtischen Kontext ist "Urban Heat Island" eine Bezeichnung für die Überhitzung dichtbesiedelter Gebiete mit wenig Grün. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. Prognosen zufolge sollen es im Jahr 2050 bereits 70 bis 80 Prozent sein. Perioden extremer Hitze und starke Regenfälle häufen sich in urbanen Gebieten und werden laut Experten mit der globalen Erwärmung zunehmen.

Ein interdisziplinäres Forschungsteam kommt nun zu dem Ergebnis, dass sich der städtische Klimawandel vollständig kompensieren ließe, wenn man die Beschaffenheit "urbaner Oberflächen" verändert. Ausgangspunkt des dreijährigen Projektes "Grünstadtklima", das vom Verband für Bauwerksbegrünung (VfB) und der Universität für Bodenkultur Wien (Boku) durchgeführt wurde, war die Frage, wie trotz steigender ökologischer Herausforderungen Lebensqualität und Gesundheit für Stadtbewohner positiv beeinflusst werden können.

Begrünte Häuserdächer und -mauern

"Damit der Mensch weiterhin urban leben kann, werden Städte grüner werden müssen", sagt Vera Enzi, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau der Boku. "Grüner" heißt in diesem Fall mehr begrünte Hausdächer und -mauern sowie durchlässige, atmungsaktive Befestigungen für Fahrbahnen und Gehsteige.

Das städtische Mikroklima werde nicht nur durch Sonne, Wind und Niederschlag bestimmt, sondern auch von den Eigenschaften der Oberflächen, auf welche die Umwelteinflüsse treffen. Versiegelte Materialien wie Asphalt und Beton heizen sich durch die Sonne auf und geben die Wärme langsam an die Umgebungsluft ab. An heißen Sommertagen kann sich die Lufttemperatur auch nachts nicht mehr abkühlen. Es kommt zum Phänomen der Wärmeinsel.

Pflanzen erbringen Leistung von Klimageräten

"Pflanzen machen zu jeder Jahreszeit, was sie am besten können", sagte Enzi dem Standard. Im Gegensatz zu typischen Baustoffen reagierten sie aktiv auf ihre Umwelt. Sie betrieben Photosynthese und produzierten dabei Sauerstoff. Sie verdunsteten Wasser und erhöhten damit die Luftfeuchtigkeit. Dabei würden sie der Umgebung Energie entziehen und kühlten sie ab.

Eine begrünte Hausfassade mit rund 850 m2 Fläche erbringe die Leistung von 75 Klimageräten mit 3000 Watt Leistung und acht Stunden Betriebsdauer, hat das Forschungsteam errechnet. Im Rahmen des Projektes wurden unterschiedliche Begrünungs- und Klimaszenarien simuliert, anhand deren die Analysen und Messungen durchgeführt wurden.

Als "Climate Proofing" werden die vom "Grünstadtklima"-Team vorgeschlagenen Methoden und Bauweisen bezeichnet. Die begrünten, versickerungsfähigen Oberflächen können es nicht nur mit der Klimaerwärmung aufnehmen, sondern auch zum Hochwasserschutz beitragen. Bei versiegelten Materialien könne das Kanalsystem schnell überlastet sein, denn Niederschläge können nicht versickern, nur abfließen.

Gräser, Kräuter und Sträucher

Gründächer und durchlässige Straßenbeläge seien hingegen fähig, Wasser aufzunehmen, zu speichern und später wieder abzugeben. 50 bis 80 Prozent der Jahresniederschlagsmenge oder bis zu 137 Liter pro m2 - das entspricht einer Badewannenfüllung - könnten Gründächer speichern, besagen Forschungsergebnisse.

Fassaden, die nach Angaben des Forschungsteams ein "enormes und bisher nur gering genutztes Potenzial als Freiflächen für Pflanzen darstellen", können mit wand- oder bodengebundenen Pflanzen begrünt werden. Asphalt auf Gehsteigen und Radwegen lässt sich durch Pflasterungen oder Rasengittersteine ersetzen.

Bei Dächern sei von der Bepflanzung "alles möglich, wenn die Statik passt", sagt Boku-Mitarbeiterin Enzi. Die Möglichkeiten reichen von Gräsern und Kräutern über Bäume und Sträucher bis zu Gemüsepflanzen. Dachbegrünung sei auch in Form von Urban Gardening möglich.

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes wurden vom Team der Universität für Bodenkultur in einem Leitfaden zusammengefasst. "Der richtet sich an die öffentliche Hand, an planende Institutionen und Architekten", sagt Enzi. Er solle aber auch der ausführenden Baubranche als Argumentationshilfe für entsprechende Sanierungsmaßnahmen am Bau dienen. (Christa Minkin, DER STANDARD, 31.5.2014)

  • Blumenbunte Fassaden, baumbestandene Terrassen: Mit Pflanzenbewuchs auf Dächern und Mauern ließe sich der Temperaturanstieg in den urbanen Zentren erträglicher gestalten - und hübscher wär's obendrein.
    foto: vfb

    Blumenbunte Fassaden, baumbestandene Terrassen: Mit Pflanzenbewuchs auf Dächern und Mauern ließe sich der Temperaturanstieg in den urbanen Zentren erträglicher gestalten - und hübscher wär's obendrein.

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