Fluch der Rekorde 

3. Juni 2014, 14:22
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Hurra. Die wichtigsten Aktienmärkte dieser Welt eilen von Rekord zu Rekord. Der MSCI World als ultimative Maßzahl für die weltweit ausgegebenen Aktien ist auf einem neuen Rekordstand von über 1700 Punkten gestiegen. Der deutsche Dax macht sich auf den Weg zu einem Indexstand von über 10.000 Punkten, und der US-Aktienmarkt bricht längst seine bestehenden Rekorde.

Doch für Investoren sind Rekorde oft Alarmsignale statt Grund zum Jubel. Steigen die Aktienkurse sehr stark, folgt oft die unvermeidliche Korrektur. "Regression zur Mitte" nennen es Statistiker, wenn auf einen Ausreißer nach oben oder unten wieder eine durchschnittliche Phase folgt. Auch im Sport ist das Phänomen bekannt, etwa augenzwinkernd als "Fluch des Covers". Wenn Sportler nach Spitzenleistungen auf der Titelseite des US-Magazins Sports Illustrated zu sehen waren, haben sie sich oft in Wettkämpfen deutlich schlechter geschlagen. Der Fluch hat weniger mit dem Magazin zu tun als viel mehr damit, dass außergewöhnliche Leistungen selten zu wiederholen sind.

Bei den Finanzmärkten sollten daher Investoren nach Phasen hoher Gewinne - etwa am Aktienmarkt - erwarten, dass es künftig weniger zu holen gibt. Eine aktuelle Studie beim Centre for Economic Policy Research vom deutschen Ökonomen Klaus Adam zeigt aber genau das Gegenteil (Stock Price Booms and Expected Capital Gains). Rund um die höchsten Indexstände haben die Investoren die höchste Erwartung von Kapitalgewinnen. Daraus schließen die Autoren, dass Aktienkurse besonders wegen der Einschätzungen von Investoren so regelmäßig auf einer Achterbahn sind und steil nach oben (und später nach unten) rasen.

Dabei gibt es durchaus gute Kennzahlen, um die kommenden scharfen Kurven an den Kapitalmärkten besser einzusehen. So zeigt etwa das Shiller-KGV, benannt nach dem Finanzökonomen und Nobelpreisträger Robert Shiller, wie teuer oder günstig Aktien gemessen an den Gewinnen der Unternehmen sind. Ein hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt erwarten, dass die Aktienkurse kaum steigen können oder sogar fallen. Ein niedriges KGV - etwa wenn die Kurse nach einer Krise gefallen sind - lässt hingegen hohe Renditen erwarten.

Tatsächlich ist das Shiller-KGV, das die Gewinne über zehn Jahre glättet, ein guter Startpunkt, wie 140 Jahre an Daten zum US-Aktienmarkt zeigen. Haben Investoren real weniger als zehn Euro für jeden Euro Gewinn für ihre Aktieninvestments gezahlt, konnten sie die fünf folgenden Jahre zweistellige Renditen verdienen. Wann immer Aktien teuer waren (KGV wie heute bei 25 oder höher), winkten Kursverluste von knapp einem Prozent pro Jahr. Der US-Aktienmarkt ist damit heute definitiv nicht günstig bewertet und lautstarke Hurra-Rufe so mancher Anlagestrategen über die steigenden Kurse können schnell in Wehklagen umschlagen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 30.5.2014)

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