"Der Horror der selbstgerechten Arroganz"

2. Juni 2014, 18:45
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Republikaner werfen dem Präsidenten vor, durch den Deal einen Präzedenzfall geschaffen zu haben

Seinem Sohn dürfte es ergehen wie einem Tiefseetaucher, orakelt Bob Bergdahl: Kehre er zu abrupt an die Wasseroberfläche zurück, drohe seine Gesundheit Schaden zu nehmen. "Bowe war so lange weg, dass es schwer für ihn wird zurückzukommen."

Seit Sonntag wird Bowe Bergdahl im US-Militärkrankenhaus in Landstuhl untersucht, danach soll er sich in Texas von der fünfjährigen Gefangenschaft erholen. Es werde wohl dauern mit der Rückkehr in ein halbwegs normales Leben, dämpfen seine Eltern die Erwartungen. Als Bob und Jani Bergdahl am Sonntagabend in Boise, Idaho, eine Pressekonferenz improvisierten, wirkten sie nicht nur aufgewühlt, sondern auch wie erfahrene Therapeuten.

Bowe dürfte Zeit brauchen, ehe das Englische wieder flüssig über seine Lippen komme, prophezeit seinerseits David Rohde, ein Korrespondent der New York Times, der sieben Monate vom Haqqani-Netzwerk festgehalten wurde - derselben Gruppe, die den Soldaten in ihrer Gewalt hatte.

Die politische Debatte über den Gefreiten Bergdahl ist eindeutig kontroverser. Republikaner werfen Präsident Barack Obama vor, durch den Deal zu seiner Freilassung einen Präzedenzfall geschaffen zu haben. Dass der Präsident fünf Taliban-Kommandanten aus Guantánamo ziehen lasse, schockiere ihn, wettert der Abgeordnete Adam Kinzinger. Und Senator Ted Cruz von der Tea Party spitzt es polemisch zu. "Was sagt das den Terroristen? Wenn ihr einen GI erwischt, könnt ihr ihn gegen fünf Terroristen eintauschen?"

Von einer Ermunterung potenzieller Entführer könne keine Rede sein, so Susan Rice, Obamas Sicherheitsberaterin: Bergdahl sei keine Geisel gewesen, sondern ein Kriegsgefangener. Verteidigungsminister Chuck Hagel dreht den Spieß um: Vielleicht werde nun der Weg frei für Gespräche über ein Friedensabkommen.

Gestritten wird aber auch über die Umstände, unter denen Bergdahl zum Gefangenen wurde. Aufgewachsen in einem abgeschiedenen Weiler in den Rocky Mountains, meldete er sich bei der U.S. Army, zu einer Zeit, da Obama das Truppenkontingent am Hindukusch aufstockte.

In Afghanistan machte Bergdahl bald kein Hehl mehr über seine Scham, Amerikaner zu sein, damals im Juni 2009, in einer später vom Rolling Stone veröffentlichten E-Mail an "Mom und Dad": "Der Horror dieser selbstgerechten Arroganz ist widerlich." Als ein Militärfahrzeug ein afghanisches Kind überfuhr, kommentierte er es mit bitteren Worten über seine Kameraden, die darüber noch Scherze machten.

Kurz bevor Bergdahl in Gefangenschaft geriet, verließ er seinen Stützpunkt auf eigene Faust, am frühen Morgen des 30. Juni 2009. Manche nennen ihn deshalb einen Deserteur. "Die Zukunft ist zu gut, um für Lügen vergeudet zu werden", hatte er seinen Eltern zuvor geschrieben.

Jahrelang gab es von US-Soldat Bowe Bergdahl keine anderen Fotos als solche wie dieses (Screenshot). Foto: AP/Site

(Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 3.6.2014)

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