Tangerine Dream: Sie wollten keine Roboter sein

2. Juni 2014, 17:57
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Die deutschen Elektronikpioniere gastieren ein letztes Mal in Wien

Wien - Mit Edgar Froese und Tangerine Dream aus Berlin kommen nach dem Wiener-Festwochen-Gastspiel der Düsseldorfer Kraftwerk am Burgtheater jetzt weitere große Überlebende einstiger elektronischer Pioniermusik nach Wien. Der Rahmen mag ungleich herber sein. Immerhin hat man es beim Gasometer in Simmering eher mit einer Halle zu tun, für die es sich dank ihrer stimmungsverdunkelnden Aura empfiehlt, guten Willens und noch besseren Mutes zu sein.

Froese, der am kommenden Samstag seinen 70. Geburtstag feiert, als einziges verbliebenes Originalmitglied und die mittlerweile seit ihren Anfängen Ende der 1960er-Jahre zigste Besetzung von Tangerine Dream sollten allerdings trotzdem für hübsch retrofuturistische Atmosphäre sorgen.

Nachdem die Band zu Beginn mehr oder weniger mit traditionellen Instrumenten im Zeichen von damals populärem Progressive Rock und freier Improvisation arbeitete, überredete das damalige Gruppenmitglied Conrad Schnitzler die anderen Musiker dazu, Elektronik und frühe Synthesizer zu integrieren. Es entstand 1970 das Album Electronic Medidation. Schnitzler, der auch Kraftwerk für die Verwendung von Synthesizern begeistern konnte, und der damalige Schlagzeuger von Tangerine Dream, Klaus Schulze, verließen allerdings bald die Band.

Schulze startete eine veritable Solokarriere ebenso wie das zeitweilige Mitglied Peter Baumann. Schnitzler, der große unbedankte Visionär der deutschen Grenzlandmusik, blieb ebenfalls bei der Sache. Seine mitunter obskuren Soloarbeiten in Kleinstauflage, zu der etwa der "Undergroundhit" Aus dem schwarzen Kanal zählt, werden auf dem Label Bureau B konsequent wiederveröffentlicht.

1974 gelang Froese mit Phaedra nach Zeit und Alpha Centauri der internationale Durchbruch. Die instrumentale Musik war repetitiv, immer ein wenig grimmig-düster und bedrohlich geworden. Die aus freier Improvisation entstandenen Stücke füllten ganze Plattenseiten. Es entstanden gut 30 Soundtracks speziell auch für Hollywood, unter anderem für William Friedkins The Exorcist und Sorcerer. Tangerine Dream wurden rhythmischer und tanzbarer. Während Kraftwerk den Roboter in sich entdeckten, ging es thematisch, jetzt auch mit Gesang, auf zig Alben weiter mit antiken Mythen und zunehmend Themen aus der New-Age-Bewegung.

Gegenwärtig produziert Froese zwar auch Soundtracks für Games wie Grand Theft Audio. Auf großer "Abschiedstournee" zelebrieren Tangerine Dream 2014 allerdings eine mitunter neoklassizistische Kitschorgie, die im Zentrum die Wiederaufführung von Phaedra stehen hat. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 3.6.2014)

Tangerine Dream live, Di., 3. 6., Gasometer Wien. 20.00

  • Edgar Froese, der bald 70-jährige Chef von Tangerine Dream, führt heute, Dienstag, im Wiener Gasometer "Phaedra" auf.
    foto: andreas müller

    Edgar Froese, der bald 70-jährige Chef von Tangerine Dream, führt heute, Dienstag, im Wiener Gasometer "Phaedra" auf.

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