TV-Reportage: Betrug mit Bio

2. Juni 2014, 17:36
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"Die große Bio-Illusion", am Dienstag um 20.15 Uhr auf Arte - Biologische Vielfalt scheint immer mehr bürokratischer Verregelung zu unterliegen

Wien - Glückliche Kühe, schnatternde Gänse, satte Wiesen: Auf dem Hof des Bauern Siegfried Jäkle im Schwarzwald haben Kühe noch eigene Namen. "Hilda, komm", ruft der Bauer, und das Tier trottet herbei. Jäkle ist Biopionier.

Seit Mitte der 1980er-Jahren setzt er auf ökologische Verträglichkeit, weil ihn "die Unabhängigkeit" fasziniert habe. Dreißig Jahre später hat er genug, der blinde Kontrollwahn der Behörden hat ihn müde gemacht. Wie ihm geht es vielen: Biologische Vielfalt scheint immer mehr bürokratischer Verregelung zu unterliegen.

Diese und mehr Systemschwächen im Sehnsuchtsreich der biologischen Nachhaltigkeit zeigt die 90-minütige Reportage Die große Bio-Illusion, heute, Dienstag, 20.15 auf Arte, auf.

Gesund, umweltschonend, artgerecht, faire Arbeitsbedingungen - das sind die Heilsversprechen, mit denen das Gewissen spendierfreudiger Konsumenten beruhigt werden soll. Reporter Christian Jentzsch zeigt, wie sehr sich die Massenproduktion das Label "Bio" aneignet. Kontrollinstanzen, die den kleinen Einheiten so große Schwierigkeiten bereiten, greifen am anderen Ende der Vertriebskette offenbar nur schlecht.

Suche nach Nachhaltigkeit

Arte-Reporter Christian Jentzsch bereist Rumänien, Spanien, China und Thailand und findet wenig Nachhaltigkeit. In Rumänien dokumentiert er die Praktiken eines Schweizer Investors, der in großem Stil Gründe aufkauft und sie mit biologischer Anbauweise bespielt. Dank Biosubventionen der EU und niedrigen Grundstückspreisen soll die Investition zum großen Geschäft werden.

In Thailand sollte ein deutsches Förderprojekt nachhaltige Garnelenproduktion unterstützen. Jenschitz besuchte die Anlage und sah in den Gewässern tote Garnelen an der Oberfläche schwimmen. Von der deutschen Biohilfe profitierte ausgerechnet der größte, konventionelle Garnelenproduzent der Umgebung. Die Kleinbauern gingen leer aus. Am Gelände finden die Reporter Kanister mit Desinfektionsmitteln und Giftzeichen. Über die Mittelvergabe herrscht Unklarheit. Das Siegel "Naturland" ist dem Betrieb inzwischen entzogen, kommt später heraus. Geworben wird mit dem Gütezeichen illegal. Die Bezeichnung dafür reiht sich ins Vokabular für neue Kriminalität: "Biobetrug".

In der chinesischen Provinz Shandong entdeckt Jentzsch auf einem Biobetrieb überdüngte Böden. Chemische Zusatzstoffe würden beigemischt, erzählt ein chinesischer Biobauer. Biozertifikate seien käuflich. In Spanien leben die afrikanischen Arbeiter in Slums. Angemeldet werden viele nicht mehr. Dass Zertifikate oft nichts wert ist, zeigt schließlich der Lokalaugenschein in einer Truthahnfarm irgendwo in Deutschland, wo die Tiere buchstäblich in ihren Exkrementen liegen. Fair sieht anders aus. (Doris Priesching, DER STANDARD, 3.6.2014

  • Unzumutbare Arbeitsbedingungen für afrikanische Arbeiter auf Bioplantagen in  Spanien.
    foto: arte/mdr/dokfilm

    Unzumutbare Arbeitsbedingungen für afrikanische Arbeiter auf Bioplantagen in Spanien.

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