Das Fenster in die Favoritner Nacht

3. Juni 2014, 11:33
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Wenn es dunkel wird, stehen die Menschen Schlange vor der Nachtapotheke - am Guckfenster offenbaren sich kleinere und größere Wehwehchen bis hin zu Stichverletzungen

Wien - "Wü vü kosts?", ruft der junge Mann quer durch die Apotheke und reckt seinen Kopf samt Käppi durch das kleine Fensterchen. Gabriele Wurzenberger steht am anderen Ende des Raums, hinten bei den Schränken mit den Medikamenten, und verkündet ihm ebenso lautstark den Preis. "Was gegen Sodbrennen" will er kaufen, "runde Tabletten, zehn Stück in einer Schachtel". Kein Problem, das Richtige ist schnell zur Hand.

Schlaf erst nach Mitternacht

Die Nacht ist noch jung in der Apotheke zur Mutter Gottes in der Gudrunstraße in Wien-Favoriten. Draußen ist die Dämmerung einer lauen Dunkelheit gewichen. Drinnen wandert die Nachtdiensthabende Gabriele Wurzenberger mit Turnschuhen und weißem Kittel hin und her: zum Fenster, hinter die Budel, zum Fenster, zur Kassa, wieder zurück. Um 18 Uhr hat der Dienst begonnen, bis acht Uhr früh wird sie mehr oder weniger auf den Beinen sein. "Ab zehn wird es meistens ruhiger", sagt Wurzenberger. "Nach Mitternacht bekomme ich oft ein paar Stunden Schlaf."

Momentan hat die Apothekerin kaum Zeit zum Luftholen. Kaum ist ein Kunde bedient, steht schon der nächste da. Mitunter sieht man gar nicht, bis wohin die Schlange reicht. "Manchmal stehen die Leute bis über die Gasse", erzählt Wurzenberger. Das Guckerl ist aber nicht nur ein Fenster auf die durchgängig belebte Straße. Es gewährt auch Einblicke in die kleinen und größeren Wehwehchen der Menschen, die hier wohnen. Durchfall, Läuse, gerissene Kondome, Angina, Stichverletzungen: Was die Nacht alles vor die Türen schwemmen wird, lässt sich schwer voraussagen.

"Kauen, nicht schlucken!"

Vorerst bleibt es bei Alltäglichem. Ein älterer Mann verlangt in gebrochenem Deutsch Abführmittel, weiß aber nicht, wie die Früchtewürfel anzuwenden sind. Wurzenberger macht ihm eine Packung auf und erklärt geduldig: "Kauen, nicht schlucken!" Egal ob es um Zahn- oder Augenschmerzen geht, Wurzenberger stellt akribisch Fragen, errät aus den Antwortfragmenten, was Sache ist. Es folgen Kunden, die Verband kaufen, Aspirin, Antibiotika für die Kinder, Schmerz- und Fiebermittel. Ein Teenager in Leggins und Turnschuhen braucht dringend die Antibabypille, die gewünschte Marke ist aber nicht lagernd. Wurzenberger gibt dem Mädchen die Telefonnummern anderer diensthabender Nachtapotheken.

"Es gibt Leute, die einen um drei in der Früh wegen Nasentropfen rausklingeln." Es gibt aber auch ernste Fälle. An diesem Abend ist es ein Anruf, der Wurzenberger stutzig macht: Eine Frau, im fünften Monat schwanger, berichtet, dass sie sich mit einem Messer die Hand durchbohrt und die Wunde mit Brot zugestopft habe. Sie fragt, was sie tun soll. "Ins Spital!", sagt sie. "Die Leute haben einen Bammel vor dem Krankenhaus", weiß die Apothekerin. "Viele Leute brauchen einfach eine Bestätigung und wollen beruhigt werden."

Stammkunden kämen in der Nacht weniger, dafür sei die Rate von Patienten mit Migrationshintergrund höher, stellt Wurzenberger fest: "Viele Frauen sprechen schlecht Deutsch und warten, bis ihre Männer von der Arbeit nach Hause kommen. Erst dann gehen sie ins Spital oder zur Apotheke."

"Substis" mit Respekt

Seit fast 30 Jahren ist die Mutter zweier Kinder nun Apothekerin in Favoriten. In all den Nachtdiensten allein in der Apotheke hat sie nie eine brenzlige Situation erlebt. Selbst die "Substi-Patienten", also Leute auf Drogenentzug, kommen nicht oft auf die Idee, um fünf Minuten nach Mitternacht ihre tägliche Ersatzmitteldosis abzuholen. Sie wissen, dass sie vor acht Uhr morgens von Wurzenberger nichts kriegen würden - sie macht stets auf recht resolute, aber immer freundliche Art ihren Standpunkt klar. Berührungsängste hat sie nicht: Das offene Fenster ist ihr lieber als die Kommunikation per Sprechanlage. Ab Mitternacht schaltet sie die Alarmanlage ein.

Zu vorgerückter Stunde, wenn der ärgste Ansturm vorbei ist, geht Wurzenberger vorbei an Lager, Labor, Büro und Küche in das kleine Nachtdienstzimmer. Zwischen die Wand und ein Regal ist ein schmales Bett gequetscht, hinter der Tür steht ein Fernseher. Sollte jemand ihre Dienste brauchen: Die schrille Melodie der Nachtglocke ist garantiert unüberhörbar. In dieser Nacht wird sie nach Mitternacht nur mehr viermal zum Fenster geklingelt. In zwei Fällen sind es Eltern, die Mittel brauchen, um ihre kranken, schreienden Babys zu beruhigen, die anderen beiden Hilfesuchenden wollen Schmerzmittel.

Um halb sieben kommt der letzte von insgesamt 61 Nachtschichtkunden - "ein angenehmer Dienst". Im Schnitt sind es 80 Gespräche. Jetzt heißt es, die Müdigkeit tagsüber zu überwinden. "Dann falle ich am Abend um wie ein Stein." (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 31.5.2014)

  • Warten vor der Nachtapotheke: Notfälle landen hier genauso wie Nachtschwärmer.
    foto: heribert corn

    Warten vor der Nachtapotheke: Notfälle landen hier genauso wie Nachtschwärmer.

  • "Die Leute haben einen Bammel vor dem Krankenhaus. Viele brauchen einfach eine Bestätigung und wollen beruhigt werden", sagt Apothekerin Gabriele Wurzenberger.
    foto: heribert corn

    "Die Leute haben einen Bammel vor dem Krankenhaus. Viele brauchen einfach eine Bestätigung und wollen beruhigt werden", sagt Apothekerin Gabriele Wurzenberger.

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