Historiker: "Österreich erklärt sich für unzurechnungsfähig"

3. Juni 2014, 11:32
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Historiker Hannes Leidinger über den österreichischen Opferkult und die Bestimmung von Kriegsschuld und Verantwortung

daStandard.at versucht im Gespräch mit dem Weltkriegsexperten Hannes Leidinger anhand dieses Beispiels zu verstehen, woher Vorstellungen von Kriegsauslösern und Schuldigen kommen.

daStandard.at: Es wird oft gesagt, die Sieger schreiben die Geschichte. Inwiefern könnte man eigentlich auch sagen, die Geschichte schriebe im Nachhinein die Sieger?

Hannes Leidinger: Denken wir, was die Siegergeschichtsschreibung angeht, gleich an Österreich. Nach 1918 kann man nicht behaupten, dass Österreich eine Siegernation war. Trotzdem ist es, was das Geschichtsbild angeht, Österreich auf eine faszinierende Art und Weise gelungen, sich international besser darzustellen, als es eigentlich war. Ich würde sagen, Österreich ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sich mit der Geschichte auch arrangieren kann, indem man sie einerseits verzerrt, verfremdet – und andererseits aktiv mit ihr arbeitet, sie sich zurechtrückt.

daStandard.at: Wie lässt sich das auf die aktuelle Debatte zum Hundertjährigen des Ersten Weltkriegs beziehen?

Leidinger: Es gibt und gab eine Grundsympathie bestimmter Länder, mit Österreich gnädiger umzugehen, als es vielleicht unbedingt nötig gewesen wäre. Einerseits liegt das daran, dass Österreich sich schon im 19. Jahrhundert geschickt als Mediator dargestellt hat – das reicht bis zum Wiener Kongress zurück. Dies spielt ganz bewusst heute im Tourismus eine Rolle und auch im Aufbau des UNO-Standorts, des sogenannten internationalen Konferenzorts Wien.

Das alles – von Metternich bis in die Gegenwart – lässt Österreich als den friedlichen Vermittler dastehen. Es war aber immer im ersten Sinne Player. Man hat da etwa vom „Kutscher Europas“ gesprochen. Ich bin mir allerdings nicht so sicher, ob Österreich nur der Kutscher war oder nicht auch derjenige, der den Weg vorgegeben hat.

daStandard.at: Woher kommt diese Verklärung?

Leidinger: Unser Kulturgut ist auf eine Verniedlichung und einen Habsburgermythos hinausgelaufen, der international gut ankommt, uns aber vergessen lässt, warum es überhaupt einen Radetzkymarsch gibt.

daStandard.at: Wie wurde die österreichische Geschichte im Ausland dargestellt?

Leidinger: Gerade in Westeuropa und unter englischen Historikern wird ein nachsichtiger Umgang mit Österreich gepflegt, es gibt durchaus eine Bereitschaft, den Habsburgermythos mitzutragen. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie hat Großbritannien sogar Dossiers ausgearbeitet: Wie könnte das kleine Österreich denn nun weitermachen? Die Idee der Brückenfunktion, der Gastlichkeit und des Kulturhorts, Österreich als der letzte Vorort der Zivilisation – dafür gab es eine englische Grundsympathie.

daStandard.at: Ist es das, was sich im internationalen Österreich-Bild trotz Ersten und Zweiten Weltkriegs bis heute noch hält?

Leidinger: Dieses Gefühl werde ich jedenfalls nicht los. Es gibt eine deutliche Neigung in der Geschichtsschreibung, die Verantwortlichkeiten eher bei den Gegnern Österreichs zu sehen. Man vergisst bei dieser Konzentration auf die Gegner auch, dass Österreich-Ungarn es selbst in der Hand hatte, beispielsweise nach dem Attentat in Sarajevo zu deeskalieren. Zugleich gab es niemanden in Europa, der bereit war, dem Brandstifter Österreich die Fackel aus der Hand zu schlagen.

daStandard.at: Bei vielen Kriegen ist es von großer Bedeutung, wer beziehungsweise welche Seite zuerst schoss, welche Seite das erste Opfer zu beklagen hatte. So wird rückgeschlossen, wer die Gesamtschuld an dem Krieg trägt. Ist das eine sinnvolle Art, Verantwortung zu bestimmen?

Leidinger: Diese Frage hat Tradition – mindestens seit der Revolution von 1848. Die Suche nach dem einen letztgültigen Moment, der eine Ereigniskette auslöst, lässt die wichtigen historischen Strukturen außer Acht. Diese Ursprungsfrage lässt uns gesellschaftlich aber nie völlig los.

daStandard.at: Die Schüsse Gavrilo Princips auf den Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo werden im Allgemeinen als Auslöser des Ersten Weltkriegs dargestellt.

Leidinger: Man könnte den Anfang des Ersten Weltkriegs aber auch als einen um Österreich-Ungarn erweiterten dritten Balkankrieg sehen. Oder den Ersten Weltkrieg mit einem schwächelnden osmanischen Reich und dem Tripolis-Feldzug der Italiener beginnen lassen. Anfänge und somit auch Schuld und Verantwortung sind zu einem hohen Grade auch historische Stilisierung.

daStandard.at: Irgendwie müssen die Kapitel im Geschichtsbuch ja heißen.

Leidinger: Genauso gut könnte man stattdessen sagen, dass sich die Schüsse Sarajevos in diese bereits unheilschwangere Kette an Ereignissen einreihen. Meines Erachtens ist da eine sehr seltsame Debatte entstanden. Das Attentat von Sarajevo hat nicht den Ersten Weltkrieg ausgelöst. Es wurde aber ohne Zweifel als Anlass dafür genommen.

daStandard.at: Inwiefern ist diese Konstruktion eines Krieges aus einem Einzelereignis heraus auch ein Vertuschen größerer Zusammenhänge? Es gibt ja immer auch wirtschaftliches Interesse an Kriegen, Waffenhandel, territoriale Überlegungen.

Leidinger: Der wirtschaftliche Faktor ist bei jedem Krieg im Spiel, hier würde ich ihn nicht zentral sehen. Ironischerweise hat Österreich seine Gegner von 1914, den Balkan, ja großzügig mit guten Waffen ausgestattet. Bei Deutschland sehe ich schon einen Plan einer wirtschaftlichen Nutzung der Balkanregion – die galizische Ölfelder zum Beispiel.

daStandard.at: Wer besitzt in diesem Falle die Berechtigung, über Kriegsschuld zu entscheiden? Oft werden „Kriegsverbrechen“ von ebenjenen Staatenbünden gerichtet, die zuvor noch durch Waffenlieferungen an beide Seiten eines Konflikts Suizidhelfer waren.

Leidinger: Der Erste Weltkrieg steht am Beginn dieser völkerrechtlichen Bewegungen. Noch gibt es eher Reziprozität und Retorsion: Wenn du meine Kriegsgefangenen verhungern lässt, lasse ich deine auch verhungern. Auge um Auge und Zahn um Zahn also. Nach dem Ersten Weltkrieg entstehen aber die ersten Vorstellungen davon, wie Sanktionen aussehen könnten. Im Grunde läuft aber alles doch auf ein fragwürdig legitimiertes primitives Rache- und Demütigungssystem hinaus.

daStandard.at: Finden Sie die aktuelle Selbstdarstellung Österreichs, was den Ersten Weltkrieg angeht, angemessen?

Leidinger: Österreich wollte diese Auseinandersetzung einfach und hat jede Deeskalation abgelehnt. Später hat man den Krieg elegant mit internationaler Hilfe als einzige Möglichkeit konstruiert. Hier beginnt die österreichische Tradition, sich konsequent selbst für unzurechnungsfähig zu erklären.

daStandard.at: Polemisch könnte man sagen, dass Österreich zwei Weltkriege mitverursacht hat. Wird Österreich im Dritten Weltkrieg auch ein Fackelträger sein?

Leidinger: Ich hoffe nicht. Vielleicht ist es ganz gut, dass Österreich so klein geworden ist, dass es in Zukunft keine Rolle mehr spielen wird. (Olja Alvir, daStandard.at, 3.6.2014)

Hannes Leidinger ist Historiker am Institut für Geschichte der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Habsburgergeschichte, der Erste Weltkrieg, österreichische Zeitgeschichte und die Kriegsgefangenenproblematik. Leidinger ist Autor zahlreicher Fachbücher zur österreichischen Geschichte. Aktuell ist "Der Erste Weltkrieg", erschienen im UTB-Verlag (120 Seiten, 9,90 €).

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