Bildung im Alter: Auch Demenzkranke können lernen

2. Juni 2014, 15:22
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Jeder könne sich fortbilden, auch Hundertjährige, erklärten Experten bei einem Workshop zum Thema Lernen im Alter

Wien – Patienten mit der Diagnose Demenz empfiehlt Andreas Kruse, raus in die Natur zu gehen, Musik zu hören und Sport zu treiben. Der Alterswissenschafter ist Leiter des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg. Ihm ist vor allem die Bildung seiner Patienten wichtig. "Demenzkranke können noch sehr lange die Natur oder Musik genießen, diese Fähigkeiten müssen ab der Diagnose gestärkt werden", erklärt er.

Kruse ist einer der Vortragenden bei der Tagung "Bildung im Alter: Luxus oder Notwendigkeit“ der Österreichischen Forschungsgemeinschaft, die Montag und Dienstag in Wien stattfindet. "Bildung im Alter ist wichtig für die Selbstständigkeit“, sagt Bildungswissenschafterin Christiane Spiel, eine der Veranstalterinnen des Workshops, bei einem Pressegespräch am Montag. Durch die demografische Entwicklung, durch die es immer mehr ältere Menschen geben werde, würde Weiterbildung notwendig. Wenn sich ältere Menschen fortbilden, könnten sie einerseits länger arbeiten und zudem das eigene Wohlbefinden im Alter stärken.

"Keine Gruppe abschreiben"

Matthias Kliegel, Professor für kognitives Altern an der Universität Genf, sagt: "Es gibt keine Gruppe, die nicht lernen kann, auch 100-Jährige können noch lernen." Zwar könnten manche ältere Menschen nicht mehr so schnell lernen oder hätten mit völlig neuen Inhalten Probleme, aber "es gibt keinen Grund, bei der Weiterbildung irgendeine Gruppe abzuschreiben". Ältere Menschen würden sich zudem voneinander stärker unterscheiden als Schüler oder Studenten. "Manche lernen noch genauso schnell wie 40-Jährige, andere tun sich schwerer."

Gedächtnis- und Bewegungstraining

Die Angebote müssen dabei breit gefächert sein und sich vor allem an den Interessen der Seniorinnen und Senioren orientieren, waren sich die Experten einig. "Der Ansturm auf die Volkshochschulen hält sich in Grenzen", sagt Christine Mitterlechner, die in Wien den Verein "L³M - Lebensbegleitend Lustvoll Lernen nach Montessori" leitet. Am ehesten würden sich Senioren dort für IT- und Sprachkurse anmelden. Aber auch Initiativen wie das Programm "Lima" des Katholischen Bildungswerks, wo ältere Menschen Gedächtnis- und Bewegungstraining erlernen können, seien für Senioren interessant.

Menschen, die sich schon bisher wenig fortgebildet haben, sind besonders schwer für Weiterbildungsprogramme zu erreichen. Für Alterswissenschafter Kruse ist vor allem wichtig, dass sie das Gefühl bekommen, den Alterungsprozess gestalten zu können. Nur so könne auch Motivation fürs Lernen entstehen. Bildungswissenschafterin Spiel von der Universität Wien sprach sich für niederschwellige Angebote an Orten aus, wo sich ältere Menschen ohnehin aufhalten, zum Beispiel in Spitälern. (lai, derStandard.at, 2.6.2014)

  • Lernen könne jeder oder jede, egal wie alt er oder sie sei, sagt Matthias Kliegel, Professor für kognitives Altern an der Universität Genf.
    foto: dpa/erichsen

    Lernen könne jeder oder jede, egal wie alt er oder sie sei, sagt Matthias Kliegel, Professor für kognitives Altern an der Universität Genf.

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