Prozess in Wien: Der Kieferbruch auf der Polizeiinspektion

2. Juni 2014, 16:11
166 Postings

Ein 34-jähriges Diebstahlopfer soll in einem Wachzimmer randaliert und Polizisten attackiert haben. Der Schwerverletze sagt, es sei Polizeigewalt gewesen

Wien – Wenn Zeugen vor Gericht völlig idente Aussagen machen, ist das verdächtig – steht doch der Vorwurf einer Absprache im Raum. Wenn sie allerdings fundamental unterschiedliche Versionen erzählen, kommt das auch nicht so gut an.

Wie im Fall der Aussagen von Polizisten im Prozess gegen Enes B., der sich wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und schwerer Körperverletzung vor Richterin Elisabeth Reich verantworten muss.

Der 34-jährige Hüne soll am 29. März in der Polizeiinspektion Storchengasse in Wien-Rudolfsheim erst eine Beamtin gestoßen und dann versucht haben, andere Polizisten zu schlagen, wirft ihm Staatsanwältin Beate Möllner vor.

Diebstahl im Bordell

Das Seltsame: Der Mann war eigentlich ein Diebstahlopfer, sagt er. Und der Einsatz endete für ihn mit einem Kieferbruch, einem blutüberströmten Gesicht und zahlreichen Hämatomen.

"Ich war mit einem Arbeitskollegen in einem Bordell“, erzählt der Angeklagte. "Als ich mit Frau S. auf das Zimmer gegangen bin, ist er plötzlich hereingekommen und hat meine Sachen durchwühlt. Als ich nachschaute, war meine Geldbörse mit 2500 Euro weg.“

Er lief dem mutmaßlichen Dieb nach, erwischte ihn aber nicht mehr. Also fuhr er mit dem Taxi zu dessen Wohnung und, als er ihn dort nicht fand, zurück ins Bordell.

Dort waren schon eine Polizistin und ein Kollege am Amtshandeln – der Arbeitskollege vermisste nämlich sein Handy und beschuldigte die Prostituierte, es gestohlen zu haben.

Ständig geduzt

B. verkündete, dass auch er Opfer eines Diebstahls geworden sei, was nach seiner Darstellung die Polizisten ziemlich ignorierten. Im Gegenteil: "Die Beamtin hat ständig 'Gusch' geschrien und mich mit Du angesprochen!"

Das ließ er sich nicht gefallen. "Ich habe Rechte, ich bin nicht irgendein Straßenkind“, soll er gesagt und das Sie-Wort eingefordert haben. Als das nicht kam, habe er sein Handy gezückt und gesagt, er nehme die Diskussion jetzt auf.

Drei Streifenwagen kamen schlussendlich, um ihn, den angeblichen Dieb und die Prostituierte auf die Polizeiinspektion zu bringen und einzuvernehmen.

Was dort geschah, schildert der Bautechniker so: Er sei mit einem Beamten in ein Zimmer gegangen, um ein Protokoll aufzunehmen. Er habe mitbekommen, dass sich sein Kontrahent und die Frau im Nebenzimmer auf Serbisch unterhielten und der Mann die Frau beeinflussen wollte. Also forderte er den Polizisten auf, das zu verhindern.

"Du Fotze" zur Beamtin

Der Beamte verließ den Raum, plötzlich kamen aber vier oder fünf Polizisten ins Zimmer – inklusive der Beamtin, die ihn schon im Bordell geduzt hatte. "Sie hat dann wieder geschrien, mich mit Du angeredet und beschimpft.“ "Für Sie bin ich ein Sie“, habe er noch gesagt, ehe er ihr drohte: "Du Fotze, das nehme ich jetzt auf!“

Die Folge: Die anderen Beamten attackierten ihn plötzlich, er lag fixiert auf dem Boden, bekam einen Faustschlag ins Gesicht, einen Kniestoß in den Hals und wurde fast erdrückt, erzählt er. "Ich habe gesagt, dass ich keine Luft bekomme, aber das war denen scheißegal, glaube ich."

Der Druck lockerte sich doch, er spuckte Blut, schließlich kam die Rettung. Wie Verteidiger Karl Bernhauser in seinem Eröffnungsplädoyer anmerkte, machten die Sanitäter etwas höchst Ungewöhnliches: Sie vermerkten in ihrem Einsatzprotokoll: "Die Gewaltanwendung war nach einem Widerstand gegen die Staatsgewalt notwendig."

Exekutive Rötungen

"Haben Sie irgendwen attackiert oder sich gewehrt?“, will Richterin Reich wissen. "Nein, ich war ja fixiert.“ "Und wie erklären Sie sich die Verletzungen der Polizisten?“ Das wisse er nicht. Die Verletzungen sind allerdings überschaubar: Rötungen an Händen und eine Prellung im Brustbereich.

Die erste Zeugin: Polizeibeamtin P., die die Sache völlig anders schildert. Sie sei mit einem Kollegen ins Bordell gekommen, um den Handydiebstahl zu klären. Plötzlich sei der Angeklagte aufgebracht in den kleinen Raum gekommen und habe geschrien, sein Geld sei gestohlen worden. Er habe mit seinem Kontrahenten in einer für sie unverständlichen Sprache gesprochen, sie habe ihn aufgefordert, man solle das auf Deutsch klären.

"Es ist wie eine Sinuskurve gegangen“, beschreibt sie B.s Verhalten. Er sei abwechselnd aggressiv und dann wieder ruhig gewesen. Je nachdem, in welcher Phase er war, habe er auch versucht, zu seinem Gegner zu gelangen. Man habe die zwei immer wieder getrennt, dann habe sie Unterstützung angefordert.

Andere Version

Auf der Polizeiinspektion soll sich dann Folgendes zugetragen haben: "Ich war mit ihm im Zimmer, er ist an der Wand auf einem Sessel gesessen. Ich bin vor ihm gestanden und wollte den Sachverhalt klären, plötzlich hat er mich wieder zu beschimpfen begonnen, ist aufgesprungen und hat mir einen Stoß versetzt."

"Wieso hat er Sie plötzlich zu beschimpfen begonnen? Er war ja ein Opfer?", fragt Reich. "Ich weiß es nicht“, sagt die Beamtin. Beschimpft oder geduzt habe sie ihn nie, das habe er aber auch nie behauptet. Die Kollegen hätten ihn dann überwältigt, wie seine Verletzungen zustande gekommen seien, wisse sie auch nicht.

Verteidiger Bernhauser fragt nochmals nach dem Grund der Beschimpfungen. "Ich will Protokoll, ich will Protokoll“, habe B. gesagt, fällt der Polizistin ein. "Kommen Sie, er ist in Österreich geboren und spricht perfekt Deutsch“, zweifelt der Verteidiger den fehlenden unbestimmten Artikel an. "Ja, er hat 'ein Protokoll' gesagt“, lautet die Antwort. "Dann sagen Sie es auch so, Sie machen schon wieder auf Ausländer“, grummelt Bernhauser.

Aufgeladene Stimmung

Dann treten der Reihe nach die anderen Polizisten auf. Zunächst der Beamte, der auch bei dem Einsatz im Bordell dabei war. Auch er beschreibt die Stimmung als aufgeladen. Seine Kollegin habe aber sofort bei B.s Auftritt die Verstärkung angefordert.

Er selbst habe einmal das Pfefferspray gezückt, worauf sich der Angeklagte gesetzt habe. Bei dieser Gelegenheit habe er auch 15-mal "Sie“ gesagt. "Dann habe ich ihn gefragt, was er damit meint. Und er hat gesagt, er will mit Sie angesprochen werden.“ Ob er "Du“ zu seinem Mandanten gesagt habe, fragt Berndorfer. Ja, möglich sei das.

Komplett konträr zu seiner Kollegin schildert Inspektor P. dann die Situation auf der Polizeiinspektion. Als er in den Vernehmungsraum kam, sei seine Kollegin am PC gesessen, er habe mit dem Angeklagten gesprochen, um den Sachverhalt zu klären.

B. habe plötzlich zu schreien begonnen, andere Beamte seien gekommen, um den Grund der Aufregung zu erfahren. "Dann sind sie aber wieder gegangen.“

"Dann ist es rundgegangen"

Er habe weiter alles versucht, um B. zu beruhigen, seine Kollegin sei dazugekommen, plötzlich sei B. aufgesprungen und habe der Polizistin einen Stoß versetzt. "Und dann ist es rundgegangen.“ Insgesamt sechs Beamte überwältigten den Angeklagten.

Auch Anklägerin Möllner fragt kritisch bezüglich des Ablaufs nach. Der Inspektor bleibt dabei: "Ich kam herein und habe mit ihm geredet, die Kollegin stand auf, er hat geschrien und sie dann attackiert.“

Dann wird es mit den Aussagen der anderen Polizisten wirklich interessant. Folgt man diesen, müssen nämlich beim Stoß bereits fünf Beamte im Raum gewesen sein – bis zu fünf Minuten lang. Die noch dazu alle Unterschiedliches wahrgenommen haben.

Einer erzählt, nach dem Stoß gegen die Polizistin sei er attackiert worden und habe B. einen Faustschlag in die Augenregion versetzt, ehe er ihn zu Boden brachte. Ob er ihm dabei das Kiefer gebrochen habe, wisse er nicht.

Wegen Mordes im Gefängnis

Wieder andere sagen, B. habe etwas von einer "Aufnahme“ gesagt und ein Handy in der Hand gehabt. Manche haben auch gehört, B. habe gesagt, er sei schon im Gefängnis gesessen. Was stimmt: Im Jahr 2000 wurde er nach einer tödlichen Messerstecherei zu zwölf Jahren Haft verurteilt und nach sechs entlassen.

Ein weiterer Zeuge will vernommen haben, B. habe sich darüber beschwert, dass es so lange dauere, bis er einvernommen wird.

Richterin Reich vertagt schließlich auf unbestimmte Zeit: Sie will durch einen Sachverständigen klären lassen, ob die Verletzungen im Stehen oder im Liegen entstanden sind, und die Zeugen aus dem Bordell vernehmen. Vielleicht wären auch interne Ermittler der Polizei interessant: Die haben nämlich die Sache auch untersucht, nachdem sie von ihren Kollegen verständigt wurden. (Michael Möseneder, derStandard.at, 2.6.2014)

Share if you care.