Studie: Häufiger Pornografiekonsum verkleinert graue Substanz im Gehirn

2. Juni 2014, 13:38
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Berliner Forscher berichten von Zusammenhang zwischen Pornokonsum-Ausmaß und der Größe der grauen Substanz im Gehirn

Berlin - Durch das Internet ist Pornografie heute viel leichter zugänglich als früher. Dies zeigt sich nicht zuletzt im weltweit ansteigenden Pornografiekonsum. Doch wie wirkt sich der häufige Konsum pornografischer Inhalte auf das menschliche Gehirn aus? Dieser Frage geht eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus nach.

Rasanter Konsumanstieg

Pornografie ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu. Kaum jemand bekennt sich offen zum Konsum, doch der Markt ist riesig. In Gesellschaften ohne Internet mussten pornografische Inhalte oft heimlich beschafft werden, ein Umstand, den das Internet maßgeblich veränderte. Unter den meistbesuchten Webseiten in Deutschland befinden sich pornografische weit vorne, häufig noch vor großen Medien- oder Einzelhandelsseiten. Den Auswirkungen häufigen Konsums gingen nun die Berliner Forscher Simone Kühn und Jürgen Gallinat nach. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin "JAMA Psychiatry" veröffentlicht.

Die Wissenschafter untersuchten 64 erwachsene Männer im Alter von 21 bis 45 Jahren. Vorab wurden die Probanden nach ihrem bisherigen Pornografiekonsum befragt. Die Fragen lauteten zum Beispiel: "Seit wann nutzen Sie pornografisches Material? Wie viele Stunden pro Woche schauen Sie sich dieses im Durchschnitt an?" Anschließend erfassten die Forscher mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) die Hirnstruktur der Probanden sowie deren Gehirnaktivitäten beim Betrachten pornografischer Bilder.

Geringere Belohnungsaktivität

Die Auswertung der Ergebnisse zeigte einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Stunden, die die Probanden in der Woche mit pornografischem Material verbringen, und der Größe der grauen Substanz im gesamten Gehirn. Im Ergebnis zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Pornografiekonsum und der Größe des Striatums, einer Hirnregion, die zum Belohnungssystem des Gehirns gehört. Das heißt: Je mehr sich die Probanden mit Pornografie beschäftigten, desto kleiner war das Volumen ihres Striatums. "Das könnte bedeuten, dass der regelmäßige Konsum von Pornografie das Belohnungssystem gewissermaßen ausleiert", sagt Simone Kühn, Erstautorin der Studie und Wissenschafterin im Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

Außerdem war die Belohnungsaktivität des Gehirns bei Probanden, die häufiger und regelmäßiger Pornografie konsumieren, beim Anblick sexuell stimulierender Bilder deutlich geringer als bei Probanden mit seltenem und unregelmäßigem Pornografiekonsum. "Deswegen nehmen wir an, dass Probanden mit hohem Konsum immer stärkere Anreize benötigen, um das gleiche Belohnungsniveau zu erreichen", so Kühn. Dies legen auch die funktionellen Verbindungen des Striatums zu anderen Hirnregionen nahe, denn bei höherem Pornografiekonsum war die Kommunikation zwischen der Belohnungsregion und dem präfrontalen Kortex schwächer. Der präfrontale Kortex trägt gemeinsam mit dem Striatum zur Motivation bei und scheint dabei das Streben nach Belohnung zu steuern.

Verlaufsstudien geplant

Nach Meinung der Forscher könnten die Verbindungen des Striatums zu anderen Hirnregionen zweierlei bedeuten: Entweder ist die Abnahme dieser Verbindungen ein Zeichen erfahrungsabhängiger neuronaler Plastizität, das heißt, eine Auswirkung des Pornografiekonsums auf das Belohnungssystem. Oder aber die Unterschiede zwischen den Probanden bestanden schon vor dem Konsum und bewirken, wie häufig Pornografie konsumiert wird.

Die Forscher halten die erste Erklärung für wahrscheinlicher als die zweite. "Wir gehen davon aus, dass der häufige Pornografiekonsum zu diesen Veränderungen führt. Um dies direkt nachweisen zu können, planen wir Verlaufsstudien“, so  Jürgen Gallinat, Ko-Autor der Studie und Psychiater an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus Berlin. (red, derStandard.at, 2.6.2014)

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