Russland für neue Torfbrände nicht gerüstet

10. Juni 2014, 13:04
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Einen Katastrophensommer wie 2010 wird es nicht geben, beschwichtigen offizielle Stellen. Doch Meteorologen sind nicht so überzeugt. Für eine effiziente Waldbrandbekämpfung ist Russland nicht gerüstet, und der Sommer wird heiß

Moskau - Jahrhundertrekord erreicht: Schon am 21. Mai stiegen die Temperaturen in Moskau auf 29,2 Grad - das ist der heißeste Wert in der Temperaturaufzeichnung Moskaus für dieses Datum. Der bisherige Höchstwert aus dem Jahr 1897 wurde zwar nur knapp übertroffen, doch viele Indizien deuten darauf hin, dass der Sommer ebenfalls in die Annalen eingehen wird.

"Mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent prognostizieren wir, dass der Sommer insgesamt etwas wärmer als normal wird", sagte der Direktor des russischen Wetterdienstes Gidrometzentr, Roman Wilfand. Insbesondere in den Monaten Juni und Juli werde es deutlich wärmer und trockener als gewöhnlich. Daher sei in der ersten Sommerhälfte auch verstärkt mit Waldbränden in Zentral- und Nordwestrussland, im Wolgagebiet und im Süden Sibiriens und des Fernen Ostens zu rechnen, warnt er.

Jahrhundertsommer in ganz Europa

Die Universität Gießen gibt eine noch radikalere Wetterprognose. Ihrer Ansicht nach wird es in Gesamteuropa einen Jahrhundertsommer geben mit extrem hohen Temperaturen und wenig Regen.

Für den europäischen Teil Russlands bedeutet Hitze in jedem Fall Ungemach. Der vergangene Winter war nämlich für russische Verhältnisse ungewöhnlich schnee- und frostarm. Da auch der Frühling wärmer als gewöhnlich war, sind die Böden bereits ausgetrocknet. Östlich von Moskau aber gibt es riesige Torfgebiete. 

Trockener Torf ist ein seit Jahrhunderten genutzter Brennstoff, der aus im Moor zersetzten Pflanzenresten besteht. Problematisch wird es, wenn diese Moore trockengelegt werden, wie dies insbesondere zu Sowjetzeiten zugunsten der Land- und Forstwirtschaft betrieben wurde. Geraten diese Torfflächen in Brand, sind sie nur sehr schwer zu löschen, weil sie sich aus Schichten unter der Erde nähren. Laut Experten ist für einen Kubikmeter brennenden Torf etwa eine Tonne Wasser zum Löschen nötig. Torf brennt sehr langsam und sondert sehr viel Rauch ab, was 2010 dazu führte, dass die russische Hauptstadt Moskau wochenlang in einen giftigen grauen Nebel gehüllt war.

150 Millionen für Moorbewässerung

Heuer werde sich Ähnliches nicht wiederholen, hat der Gouverneur des Moskauer Umlandes, Andrej Worobjow, schon versprochen. Seit den verheerenden Bränden seien 74.000 Hektar geflutet worden. Allein 2013 wurden umgerechnet 150 Millionen Euro für die Moorbewässerung ausgegeben. Auch der Vizechef des Katastrophenschutzes Wladimir Stepanow beschwichtigt: Die Arbeit der Löschtrupps werde seither viel operativer geführt, sodass es gar nicht erst zu großen Bränden komme, sagte er.

Alexej Jaroschenko, Greenpeace-Aktivist im Bereich Forstwirtschaft, ist freilich anderer Meinung: "Russland ist auf den Kampf gegen neue Waldbrände nicht vorbereitet", warnt er. Aus der Katastrophe von 2010 seien keine Lehren gezogen worden. So wurden 2012, von den Medien völlig unbeachtet, in Russland 12,5 Millionen Hektar Fläche von Waldbränden geschädigt.

Forstwirtschaft unrentabel

Zwar sei Geld für Bulldozer und Maschinen ausgegeben worden, aber es fehle nach wie vor an Personal, um rechtzeitig entstehende Brandherde auszumachen und sie frühzeitig zu bekämpfen, sagte der Umweltschützer dem Standard.

Schuld daran ist seinen Angaben nach ein vor zehn Jahren in Kraft getretenes Gesetz, das die Forstwirtschaft in Russland insgesamt unrentabel macht - und damit auch den Schutz der Wälder vernachlässigt. Das könnte sich bei einem Langzeithoch im Sommer rächen. "Die Chancen, dass wir eine ähnliche Katastrophe wie 2010 erleben, stehen 50:50", schätzt Jaroschenko daher. (André Ballin, DER STANDARD, 31.5.2014)

  • Im August 2010 waren Feuerwehren in weiten Teilen Russlands im Großeinsatz. Große Flächen standen in Flammen.
    foto: epa/maxim shipenkov

    Im August 2010 waren Feuerwehren in weiten Teilen Russlands im Großeinsatz. Große Flächen standen in Flammen.

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