"Die Idee ist ein Ausgleich sozialer Benachteiligung"

Interview2. Juni 2014, 05:33
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Ein Sozialindex für "Problemschulen" soll helfen, finanzielle Mittel objektiver zu verteilen. Denn Bildungschancen sind stark vom Elternhaus abhängig, sagt Johann Bacher 

STANDARD: Ein Drittel aller österreichischen Viertklässler gehört zu einer Gruppe mit sozialem Bildungsrisiko. Sie wollen mit mehr Mitteln für "Problemschulen" gegensteuern. Wie genau?

Bacher: Die Idee der indexbasierten Mittelverteilung ist, dass für jede Schule ein Sozialindex berechnet wird, der von 100 bis 100 plus X geht. Das X ist, was die Gesellschaft bereit ist, zum Ausgleich von sozialer Benachteiligung auszugeben. Eine Schule kann etwa einen Index von 120 haben, das würde bedeuten, dass sie über die Basisfinanzierung hinausgehend 20 Prozent zusätzliche Mittel bekommt, um soziale Benachteiligungen auszugleichen.

STANDARD: Welche Indikatoren werden dafür herangezogen?

Bacher: Wir haben für Linz drei Indikatoren verwendet, die klassischerweise die soziale Ungleichheit im Bildungsverlauf beeinflussen: Bildung, das Einkommen der Eltern sowie der Migrationshintergrund. Später haben wir die zu Hause gesprochene Sprache dazugenommen und das Einkommen durch den Beruf der Eltern ersetzt.

STANDARD: Wie viele "Problemschulen" gibt es im Raum Linz?

Bacher: Die Frage ist, ob man sich für eine Zusatzfinanzierung entscheidet, oder ob man sagt, man macht eine Umverteilung. Wir haben einen Zusatzbedarf von ungefähr 25 Prozent in Linz ermittelt.

STANDARD: Wie viele Schulen benötigen diese zusätzliche Mittel?

Bacher: Es ist ein lineares Modell, wir haben keinen Schwellenwert eingezogen. Manche Schulen haben einen Index von 101, das heißt, sie würden ein Prozent mehr bekommen. Andere Schulen, die stark benachteiligt sind, haben einen Index von 145, würden also um 45 Prozent mehr Mittel bekommen.

STANDARD: Gibt es Erfahrungswerte aus anderen Ländern?

Bacher: In den Niederlanden gibt es das seit über 20 Jahren. Derzeit wird nur die Bildung der Eltern berücksichtigt, das heißt, wenn ein Kind Eltern mit sehr geringem Bildungsstand hat, dann bekommt es bis zu 120 Prozent mehr Mittel. Früher wurden Personaleinheiten zugewiesen. Die Idee dahinter ist ein Ausgleich sozialer Benachteiligungen, manche Länder berücksichtigen auch ländliche Gebiete in der indexgebundenen Finanzierung. Grundsätzlich geht es darum, die Schulfinanzierung mithilfe einer Formel etwas objektiver zu machen, als sie derzeit ist.

STANDARD: Um welche Mittel geht es in Österreich? Nur um Geld oder auch um Personal?

Bacher: Ich bin dafür, dass diese Zusatzmittel als finanzielle Mittel an die Schulen fließen und diese auch autonom darüber verfügen können. Die Schulen müssten einen Plan für den Mitteleinsatz entwickeln, und dieser Plan sollte legitimiert werden durch einen erweiterten Schulgemeinschaftsausschuss, in dem die kommunalen Partner stärker eingebunden werden. Etwa ein regionaler Arbeitgeber, der aus seiner Perspektive steuernden Einfluss hätte.

STANDARD: Sie verknüpfen damit die Hoffnung, dass so kreativere Ideen entstehen, als wenn man einen Verwendungszweck vorgibt?

Bacher: Ich glaube, dass die Schulen, die sozialer Benachteiligung ausgesetzt sind, Kompetenzen haben und sehr gut wissen, wie sie die Probleme lösen können. Zudem sind die Ursachen, bei denen man ansetzen muss, möglicherweise sehr unterschiedlich.

STANDARD: Bedeuten mehr Mittel automatisch bessere Bildungschancen?

Bacher: Automatisch nicht, aber die finanziellen Ressourcen schaffen einen wichtigen Gestaltungsrahmen. Zu einer Steigerung der Leistungen kommt es nur, wenn es gelingt, dass die Zeit in der Schule wieder zum Unterrichten und Lernen bleibt. Damit der Unterricht nicht mit Disziplinproblemen verbraucht wird. Die Forschung zur Ganztagsschule zeigt deutlich, dass diese Schulform zunächst sehr stark im sozialen Bereich wirkt, die Lehrer-Schüler-Beziehung verbessert und sich erst dann indirekt auf die Leistung auswirkt. Zentral ist also: Gelingt es durch diese Mittel, die Lehrer-Schüler-Beziehung und jene der Schüler untereinander zu verbessern und ein lernfreundliches Klima zu schaffen?

STANDARD: Besteht nicht die Gefahr, dass in der politischen Realität die Basisfinanzierung zurückgeschraubt wird zulasten des Betrages, den die Schulen dann zur Verfügung bekommen sollen?

Bacher: Im Modell ist das nicht vorgesehen. Aber in Österreich wäre es wichtig, bei der Basisfinanzierung mehr Transparenz herzustellen. Wir haben nur sehr allgemeine Angaben über die Ausgaben pro Schüler. Pro Schüler runtergebrochen beträgt die Basisfinanzierung in der Volksschule derzeit ca. 6000 Euro, wobei man nicht genau weiß, wie genau sich die tatsächlich zusammensetzt. (Karin Riss, DER STANDARD, 2.6.2014)

foto: c. altreiter

Johann Bacher (54) ist Vorstand des Instituts für Soziologie der Johannes-Kepler-Universität Linz. Die genannten Studien wurden durchgeführt mit Herbert Altrichter, Martina Beham, Michael Bruneforht, Gertrud Nagy und Christoph Weber.

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