Zwei Jahre, um Lebenswege zu verändern

2. Juni 2014, 05:30
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Eignungstests für Mittelschullehrer? Gibt es längst - bei "Teach for Austria". Ein Lokalaugenschein

Wien - Es ist der erste Tag nach den Sommerferien, Lena S. steht vor einer Klasse aufgeweckter Zehnjähriger und will ihnen die wichtigsten Satzzeichen noch einmal in Erinnerung rufen. Dafür hat sie einen überdimensionalen rosa Klebepunkt mitgebracht, denn: "Der steht zu dem, was er sagt."

Dem leuchtgrünen bzw. neonorangen Beistrichpärchen stellt sie als Erklärung zur Seite: "Die quatschen dauernd drauflos, erzählen, wo sie waren." Um schließlich beim gelben Rufzeichen zu landen: "Das ist der Organisator", weiß Frau S. und drückt es just Recruitment-Chef Toni Kronke zum Platzieren an der Tafel in die Hand, der an diesem Vormittag das aufmüpfigste der sechs Schulkinder spielt.

Lehrer-Assessmentcenter

Wer wie Frau S. beim Assessmentcenter von "Teach for Austria" gelandet ist, hat gute Chancen, im kommenden Schuljahr solche oder ähnliche kreative Ideen Tag für Tag aufs Neue ausprobieren zu können - als Fellow an einer sogenannten "Brennpunktschule", die die Organisation nicht gerne als solche bezeichnet, für die sie aber persönlich und fachlich herausragende Hochschulabsolventen für zwei Jahre verpflichten will. Also werden die Kommunikationsfähigkeiten der Kandidaten angeschaut, wird bewertet, wie es um deren Führungskompetenz bestellt ist, wie sehr sie sich mit den Zielen von Teach for Austria identifizieren.

Die da wären: Bildungserfolge sollen nicht vom Elternhaus abhängen, Zukunftschancen allen offenstehen. Recruiter Kronke formuliert die Anforderungen an die künftigen Fellows im Gespräch mit dem STANDARD so: "Da musst du wirklich Lebenswege verändern. Die werden es vielleicht nicht schaffen ohne ihren Lehrer."

Wenn Lena S. nach ihrer Motivation, am Fellow-Programm teilzunehmen, gefragt wird, ist sie sich bewusst, dass sie "alle Möglichkeiten für eine gute Ausbildung" hatte. Jetzt spürt sie die "Verantwortung, etwas davon zurückzugeben". Auch wenn sich die Juristin sicher ist: "Bei einem Anwalt wär's leichter für mich."

Polys als Einsatzgebiet Nummer eins

Was die 25-Jährige erwartet? Einsatzgebiet Nummer eins für Fellows sind in Österreich Polytechnische Schulen, Kooperative und Neue Mittelschulen in Salzburg und Wien, hier vor allem in den Bezirken 10, 11, 16 oder 21. Toni Kronke spricht gerne von "herausfordernden Schulen, die von Schülerinnen und Schülern besucht werden, die einen schwachen sozioökonomischen Hintergrund haben, was Bildung und Einkommen der Eltern anlangt".

Dass 85 Prozent der (im Schnitt) 99 Kinder, die ein angehender Neolehrer betreut, nicht Deutsch als Muttersprache haben, korreliere zwar mit dieser Bildungsferne, sei aber nicht das ausschlaggebende Moment, warum eine Schule als Zielschule ausgewählt wird. Das Interesse der Schulen an Fellows, die frischen Wind ins System bringen, ist jedenfalls groß; es würden doppelt so viele Junglehrer angefragt, als man zur Verfügung habe, heißt es vonseiten der Organisation. Im Herbst werden es 37 junge Menschen sein, die fortan auf regulären Lehrerplanstellen ihren Dienst antreten.

Anti-Engstirnigkeits-Training

Lena S. ist eine davon. Würde man sagen, sie will Lehrerin werden, wäre das nicht ganz richtig. Sie möchte nicht zu "narrow-minded" werden, sagt sie im gut einstündigen, teils auf Englisch geführten Bewerbungsinterview. Schließlich ist die Organisation Teil eines 32 Staaten umfassenden Netzwerks, das vor 24 Jahren mit "Teach for America" seinen Anfang nahm. Und ja, man kann sich gut vorstellen, wie Lena S. später von einer anderen, gestaltenden Position des Wirtschaftslebens aus auf die Verbesserung von Bildungschancen hinarbeitet. Diesen Aspekt hat Recruiter Kronke bei der Auswahl künftiger Fellow-Generationen fest im Auge.

Was haben die Schüler von alldem? Die Impactmessung sei keine einfache Angelegenheit, erklärt Kronke. Teach for Austria wird seit Gründung vor drei Jahren von der Uni Klagenfurt begleitet, es gibt Schüler- und Fellow-Befragungen. Ein guter Indikator: die starke Nachfrage von Schulen. (Karin Riss, DER STANDARD, 2.6.2014)

WISSEN: Sorgenschulen und ihre Schüler

Laut Nationalem Bildungsbericht 2012 gehört österreichweit jedes dritte Kind der vierten Schulstufe zu mindestens einer der drei sozialen Gruppen mit erhöhtem Bildungsrisiko: nichtdeutsche Alltagssprache, bildungsferner Haushalt und/ oder niedriger Berufsstatus der Eltern. Zudem zeigt sich ein starkes Stadt-Land-Gefälle. In urbanen Zentren gehört knapp die Hälfte aller Kinder zu dieser Gruppe, auf dem Land nur jedes Fünfte.

Bildung wird hierzulande stark vererbt: 70 Prozent der angehenden AHS-Schüler haben Eltern mit mindestens Matura. Unter den Eltern von Schülern, die in Hauptschulen oder NMS wechseln, sind das nur 30 bis 35 Prozent.

Zudem gibt es laut Bildungsbericht ein "hohes Ausmaß an Kompetenzarmut", die wiederum stark von der sozialen Herkunft abhänge: Jeder dritte 15- bis 16-Jährige zeigte 2009 in mindestens einem Schulfach sehr geringe Leistungen. Oder anders gesagt: Jeder dritte Schüler zählt in mindestens einer Grundkompetenz zur leistungsschwachen Risikogruppe. Beispiel Lesen: Ganze 20 Prozent der Kinder besitzen am Ende der Volksschule im Lesen bestenfalls Basiskompetenzen. (riss)

  • Lehrer auf Zeit krempeln die Ärmel an Problemschulen hoch.
    foto: robert newald

    Lehrer auf Zeit krempeln die Ärmel an Problemschulen hoch.

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