Der Fürst der Finsternis will im Norden herrschen

Kopf des Tages30. Mai 2014, 19:07
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Björn Blöndal will Bürgermeister von Reykjavík werden

Es ist fast normal für Isländer, mehrere Berufe auszuüben. Taxifahrer und Fischer zum Beispiel. Oder der Bassist der Heavy-Metal-Band Ham zu sein, daneben aber auch als Stadtrat von Reykjavík die Finanzen zu managen. Björn Blöndal ist beides. Kann beides.

Der 44-Jährige schickt sich an, am Wochenende die Bürgermeisterwahl in der isländischen Hauptstadt zu gewinnen.

Ein unmögliches Unterfangen? Keineswegs, denn der bisherige Amtsinhaber Jon Gnarr hat ihm den Weg geebnet. In den vergangenen vier Jahren hat Gnarr - Punk, Komiker, Krankenpfleger und ... genau: Taxifahrer - bewiesen, dass man nicht zum Establishment gehören muss, um einen Wahlkampf zu gewinnen. Und erst einmal gewählt, ließ er auch tatsächlich die Stadt, die wegen der Finanzkrise nah am Abgrund war, wieder erblühen.

Gnarr hatte ursprünglich nicht vorgehabt, in die Politik einzusteigen, doch seine kabarettistische Kunstfigur eines schleimigen Politikers war in jener tristen Zeit sehr populär; und plötzlich wurde in Umfragen, welcher Politiker Reykjavík aus der Gosse führen könne, jene Kunstfigur genannt. Aus Spaß wurde Ernst: Gnarr kandidierte und gewann 2010 zum Entsetzen vieler die Wahl zum Oberhaupt von 120.000 Menschen - oder fast einem Drittel der Gesamtbevölkerung.

Gerade weil Gnarr und Blöndal, seine rechte Hand, keine Ahnung hatten, sich aber bemühten, ihren Job gut und positiv gestimmt zu erledigen, galten sie als authentisch - was Politikern denkbar selten nachgesagt wird. "Ein Jahr brauchst du, bis du Politik begriffen hast. Wenn du dein erstes Budget gemacht hast, dann hast du den Job gelernt", wird Blöndal vom Tagesanzeiger zitiert.

Doch nach vier Jahren will Gnarr nicht mehr. Daher soll Blöndal - Rufname "Fürst der Finsternis" - weitermachen mit der Gruppe von Individualisten, die sich den Namen "Leuchtende Zukunft" gegeben haben. "Das Radikalste, was wir tun konnten, war saubere Arbeit", sagt Blöndal, der mit einer Hochschullehrerin liiert ist und mit ihr zwei Kinder hat.

Für den ehemaligen Matrosen, Lehrer, Reporter und nunmehrigen Filmemacher und Nebenerwerbsunternehmensberater birgt Politik kein Geheimnis: "Es macht Spaß, wenn du gelernt hast, wie man etwas verändern kann. Und langsam gut darin wirst. Politik ist ein Handwerk." (Gianluca Wallisch, DER STANDARD, 31.5.2014)

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