Symphonische Glühweindichtung

30. Mai 2014, 18:20
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Das winterliche Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker in Schönbrunn

Wien - Schön langsam darf die Wettervorhersage damit beginnen, sich an den Wiener Philharmonikern zu orientieren. Sobald das Klangkollektiv das Maidatum seines Sommernachtskonzerts bekanntgibt, kann auch der Wetterdeuter risikolos prognostizieren, es würde an diesem Tag winterliche Kleidung angebracht sein (das nächste Konzert findet am 15. Mai 2015 statt, Dirigent ist Zubin Mehta, Solist Rudolf Buchbinder).

Zwar hat es diesmal weder geschneit noch geregnet. Etwa 40.000 Personen mussten dennoch in perfekter Glühweinatmosphäre erleben, dass dem philharmonischen Vorstand Clemens Hellsberg die Pointen nicht ausgehen. Er begrüßte zum "winterlichen Großereignis", nannte sein Orchester einen Regenmacher (der dankeswerterweise heuer versagte) und bot generös an, das Konzert noch einmal zu verschieben, was jedoch abgelehnt wurde. Was die Rahmenbedingungen anbelangt, war es also eindeutig eine Art zweites Neujahrskonzert.

Bezogen auf die musikalische Ausbeute wird man hingegen die bald erscheinende CD abwarten müssen (sie erscheint am 13. Juni bei Sony). Nirgends sonst kann man die Philharmoniker nämlich so herb und schrill hören. Auch bei deftigen Tuttistellen kommt aus den Lausprechern zwar sicher der bestmögliche Sound. Er ist allerdings nicht annähernd imstande, das einzufangen, was dieses Orchester ausmacht.

Immerhin - durch die Technik der Hörimagination erhärtete sich der Verdacht, die Energie eines durchaus anspruchsvollen Programmes sei gegeben: Es legte sich ja Dirigent Christoph Eschenbach nobel ins Zeug, Dramatik wie Leichtigkeit zu erwirken. Da wurden die frühen Triolenläufe von Franz Liszts symphonischer Dichtung Mazeppa elegant abgeschnurrt; da bäumten sich ebenda die verminderten Bläserakkorde deftig auf. Und auch Strauss' gefürchtete Spielerei, die Burleske für Klavier und Orchester, hatte in Lang Lang den idealen Virtuosen, um die Schwierigkeiten als Petitesse erscheinen zu lassen. Mozarts Türkischer Marsch (Sonate Nr.11 A-Dur) geriet ihm dann leider im Überschwang zur derben Flottheit.

Mit Wiener Blut und Furioso-Polka ging es schließlich neujahrsartig in die Zugaben, nachdem Hellsberg die Erschienenen dafür bewundert hatte, dass sie noch klatschen konnten. Dirigent Eschenbach hingegen bekundete, nicht unterkühlt zu sein. Er habe sich ja bewegen dürfen. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 31.5.2014)

  • Gute alte Bekannte in Schönbrunn: Dirigent Christoph Eschenbach und der chinesische Pianist Lang Lang.
    foto: orf/milenko badzic

    Gute alte Bekannte in Schönbrunn: Dirigent Christoph Eschenbach und der chinesische Pianist Lang Lang.

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