"Sei der Wandel, den du selber sehen möchtest"

30. Mai 2014, 18:13
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Der chinesische Choreograf Tao Ye bringt zwei seiner bestechend schönen Tanzstücke zu den Wiener Festwochen ins Odeon

Wien - Tao Ye hat etwas gegen Stücktitel. Vor allem, wenn sie in Worte gefasst sind. Daher tritt der volkschinesische Choreograf ab heute, Samstag, bei den Festwochen im Odeon mit zwei Tanzstücken an, die lediglich Zahlenbezeichnungen tragen: 4 und 2.

Das 2012 uraufgeführte 4 ist ein Quartett, in dem die Tänzer sich zu an indische Musik erinnernden Klängen des Indie-Folk-Rockers Xiao He bewegen, zum Teil in grauen Blusen und schwarzen Röcken und mit maskenhaft geschminkten Gesichtern. Für das im Jahr davor entstandene Duett 2, in dem der Choreograf selbst und die begnadete Tänzerin Duan Ni - die beiden sind auch miteinander verheiratet - auftreten, hat Xiao He einen die Dynamik von Flüssigkeiten suggerierenden, elektronischen Soundscore gefunden. Das in Overalls mit weiten Hosen gekleidete Paar scheint hier immer wieder mit dem sie tragenden Boden zu verschmelzen.

Der aufstrebende Künstler ist 1985 in der Metropole Tschungking geboren, deren rund 29 Millionen Einwohner auf einer Fläche von der Größe Österreichs leben. Sein 2006 gegründetes Tao Dance Theater residiert heute in dem ruhigen Künstlerviertel eines Vororts von Peking. In China gilt Tao Ye als einer der progressivsten Choreografen seines Landes. Für europäische Augen sind seine Arbeiten einfach von einer bestechenden Ästhetik, die an den modernen Tanz der späten 1980er-Jahre erinnert.

"Ich experimentiere nicht", sagt Tao Ye selbstsicher, denn er sei "ziemlich sicher im Hinblick auf das, was ich will". Auf seine sehr technikorientierte Tanzausbildung in China, die er ab dem zwölften Lebensjahr genossen hatte, blickt er heute mit Skepsis zurück. Körperbewusstsein und eigenes Denken wurden nicht gefördert, der ganze Prozess sei wie ein "Entenfüttern" gewesen. Seine Mitstudenten kamen allesamt aus reichen Familien: "Denen war es eigentlich egal, was sie lernten." Unter diesen Umständen musste er sich nicht sonderlich anstrengen, um sein außergewöhnliches Tanztalent zu beweisen.

In der Folge wurde er bald in das honorige Gesangs- und Tanzensemble der Volksbefreiungsarmee aufgenommen. Dort unterrichtete ein Lehrer aus dem Jin Xing Dance Theatre - der chinesische Transgender-Tanzstar ist seit seinem Auftritt bei Chris Harings Lovely Liquid Lounge 2009 beim Impulstanz-Festival und bei der Sommerszene Salzburg auch in Österreich ein Begriff. So kam Tao Ye mit dem modernen Tanz in Berührung, wechselte zu Jin Xings Truppe und begann 2004 eigene Stücke zu choreografieren.

Tao Ye glaubt an eine Art suprakulturellen Kunstbegriff. "Wahre Kunst", sagt er, könne "geografische und kulturelle Grenzen transzendieren". Dann sei es bedeutungslos, was aus dem "Osten" oder "Westen" stammt: "Der Versuch, etwas als westlich oder östlich zu etikettieren, zeigt nur, wie begrenzt die menschliche Wahrnehmung ist." Aus diesem Grund will er sich nicht als östlicher Künstler kategorisiert wissen.

Mehr Freiheit als gedacht

"Sei der Wandel, den du sehen willst", sagt Tao Ye mit Blick darauf, was sich im Tanz seiner Heimat ändern sollte. Dort fühlt er sich heute noch wie ein "Alien", weil sich das chinesische Publikum nur langsam an Abstraktionen im Tanz gewöhnt. Aber er sieht China als einen Ort "mit großem Veränderungspotenzial". Eingeengt fühlt er sich nicht, sagt er dem New Yorker Time Out-Magazin: "Wir haben mehr Freiheiten, als Sie vielleicht denken."

Anders als das Living Dance Studio von Wen Hui und Wu Wenguang, das vor zwei Jahren bei den Festwochen gastierte, scheint das Tao Dance Theater keine Probleme mit dem System zu haben. Auf politische Inhalte lässt sich der als assoziierter Künstler beim Londoner Sadler's Wells -Tanzzentrum unter Vertrag stehende Choreograf allerdings gar nicht erst ein. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 31.5.2014)

Bis 3. Juni

  • Erinnerungen an den "Modern Dance" der 1980er-Jahre werden wach: Tao Ye und seine Frau Duan Ni gehören zur progressiven Choreografen- und Tanzelite in Peking.
    foto: lars ake-stomfelt

    Erinnerungen an den "Modern Dance" der 1980er-Jahre werden wach: Tao Ye und seine Frau Duan Ni gehören zur progressiven Choreografen- und Tanzelite in Peking.

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