Proteste bei Jaruzelski-Beisetzung

30. Mai 2014, 18:01
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Demonstranten bezeichnen früheren Staatschef als Verräter - Kwasniewski, Komorowski und Walesa nahmen an Zeremonie teil

Warschau - Nicht nur die für den letzten kommunistischen Partei- und Staatschef, General Wojciech Jaruzelski, abgehaltene Trauermesse ist am Freitag von Protesten gestört worden. Auch seine Beisetzung mit militärischen Ehren am Warschauer Ehrenfriedhof wurde Zielscheibe der Protestierenden. Mit lauten "Schande! Schande!"-Rufen versuchten die Demonstranten die Beerdigung zu unterbrechen.

Präsident Bronislaw Komorowski sowie Militärbischof Jozef Guzdek appellierten an die Protestierenden. Zur Sicherung der Zeremonie befanden sich Polizisten in großer Anzahl am Friedhofsareal.

"Prüfung für die Gläubigen"

Guzdek sagte bei der Trauermesse in der Warschauer Militärkathedrale am Freitagvormittag: "Der Tod von Wojciech Jaruzelski ist eine Zeit der Prüfung für die Gläubigen." Der Bischof betonte, dass die Gläubigen sich die Frage stellen müssten, ob sie der Kirche nun treu blieben - und Treue setze Barmherzigkeit voraus, so die Worte Guzdeks. Er wies darauf hin, dass Jaruzelski vor seinem Tod um das letzte Sakrament und die Beichte gebeten hatte, obwohl er sich zuvor Zeit seines Lebens als Atheist bezeichnet hatte.

Auch Ex-Präsident Aleksander Kwasniewski sprach in seiner Trauerrede über die Proteste. Er bezeichnete die Rufe als "Schreien aus Herzen, die keine Gnade kennen".

Vor der Kirche demonstrierten dutzende Menschen und hielten Plakate mit der Aufschrift "Verräter" in den Händen. Auf dem Friedhof, wo die Urne mit Jaruzelskis Asche im Militärflügel bestattet wurde, hielten dann mehrere hundert Demonstranten Bilder mit den Opfern aus der Zeit des von Jaruzelski verhängten Kriegsrechts in die Höhe. "Nieder mit den Kommunisten", riefen sie.

An der Trauerfeier in der Militärkathedrale von Warschau hat neben Komorowski und Kwasniewski auch der Friedensnobelpreisträger und frühere Staatschef Lech Walesa teilgenommen. Der in Polen höchst umstrittene Jaruzelski lenkte von 1981 bis 1989 die Geschicke des Landes. Er war am Sonntag mit 90 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

Jaruzelski hatte 1981 im Kampf gegen die Solidarnosc-Bewegung das Kriegsrecht verhängt. 2007 wurde er deswegen angeklagt. In einem anderen Prozess musste sich der General wegen der Niederschlagung von Arbeiterdemonstrationen im Jahr 1970 verantworten.

Aus gesundheitlichen Gründen blieben beide Verfahren für Jaruzelski folgenlos. Da seine Entscheidungen von damals bis heute stark umstritten sind, wurde für ihn keine Staatstrauer am Freitag angeordnet.

Gegen die Beisetzung des ehemaligen kommunistischen Diktators mit militärischen Ehren hatte sich zuvor unter anderem der Chef des Instituts des Nationalen Gedenkens (IPN) Lukasz Kaminski ausgesprochen. Auch Internetbenutzer protestierten gegen die Bestattung. Auf Facebook haben etwa über 20.000 Menschen den Protest unterstützt.  (APA, 30.5.2014)

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