Zuerst fragen - und dann urteilen

Kommentar der anderen30. Mai 2014, 17:57
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Das Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) hat zuletzt einiges abbekommen in der öffentlichen Debatte. Etwas weniger Schaum vor dem Mund wäre in der Diskussion nötig. Ein Versuch.

Kinder können einem Löcher in den Bauch fragen. Die Wissenschaft versucht es ihnen gleichzutun - sie untersucht, analysiert, hinterfragt. Das ist die Grundlage für Weiterentwicklung - beim Einzelnen ebenso wie im System. Forschung, Innovation, Entwicklung: Die Aufgaben des Bifie sind vielfältig. Ein wesentliches Ziel ist, Informationen zu sammeln, eine Datengrundlage zu schaffen. Damit das Fragen ein Fundament bekommt. Daher ist das zentrale Moment der Bildungsstandards nicht, dass einmal jährlich rund 75.000 Schüler an einem standardisierten Test teilnehmen. Entscheidend ist der Gedanke dahinter: Jedes Kind hat das Recht, das zu können, was es können muss, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Mit den regelmäßigen Standardüberprüfungen in Deutsch und Mathematik der vierten sowie Deutsch, Mathematik und Englisch der achten Schulstufe wird festgestellt, ob das österreichische Bildungswesen dieser Aufgabe - dem nachhaltigen Kompetenzerwerb - nachkommt. Daher sind Bildungsstandards eine Reform für mehr Bildungsgerechtigkeit und bessere Lebenschancen aller Schüler. Jede Schule erhält vom Bifie eine Rückmeldung über die festgestellten Kompetenzen und damit ein Bild über Stärken und Schwächen am Standort - im Vergleich zu anderen Schulen, aber auch zu den angestrebten Bildungszielen. Berichte an Schulaufsicht, Bund und Länder liefern den Entscheidungsträgern Informationen darüber, wo Verbesserungen notwendig sind. Damit Steuergelder bedarfsgerecht und effizient eingesetzt werden. So kann die Qualität des Bildungswesens gesichert und stetig weiterentwickelt werden.

Mit der standardisierten Reife- und Diplomprüfung in der Unterrichtssprache, in Mathematik, in den lebenden Fremdsprachen und den klassischen Sprachen wird das Bemühen um eine kompetenzorientierte Ausbildung fortgeführt. Denn auch hier gilt, dass jeder Schüler das Recht hat, nach der Matura bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten zu besitzen. Darüber hinaus ermöglicht die Standardisierung der Prüfungsanforderungen und Bewertungskriterien einen europaweiten Vergleich der erworbenen Kompetenzen. Dabei handelt es sich für Österreich um ein völlig neues Konzept dieser Zertifizierung. Durch einen umfassenden Implementierungsprozess, die intensive Zusammenarbeit mit externen Aufgabenerstellern sowie Kontrollschleifen unter Miteinbezug universitärer Experten gewährleistet das Bifie, dass diesen hohen Ansprüchen von Transparenz, Vergleichbarkeit aber auch der Berücksichtigung individueller Schwerpunktsetzungen der Schulen nachgekommen wird.

Warum dann noch Pisa, PIRLS und TIMSS? Weil wir in einer globalisierten Welt leben, lernen und arbeiten. Der Blick über den österreichischen Tellerrand hinaus zeigt, ob unser Bildungssystem auch internationalen Maßstäben entspricht. Um dies zu überprüfen, werden die Schüler zu wesentlichen Zeitpunkten ihrer Schulzeit - am Ende der Volksschule und am Ende ihrer Schulpflicht - in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft getestet. Mit diesen Studien erfahren unsere Kinder also nicht erst beim Eintritt in den (internationalen) Arbeitsmarkt, wie konkurrenzfähig sie mit ihrer Ausbildung sind.

So zeigen die internationalen Studien beispielsweise auf, dass der Bildungshintergrund der Eltern in Österreich einen viel größeren Einfluss auf den Lernerfolg des Kindes hat als in anderen Ländern. Jeder fünfte Schüler in Österreich kann nicht oder nur schlecht sinnerfassend lesen. Was Pisa, PIRLS und TIMSS leisten? - Sie werfen eine wichtige Frage auf: Warum gelingt anderen Ländern, was Österreichs Bildungssystem nicht schafft? Österreich ist ein Exportland und damit abhängig von seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Die Projekte und Arbeitsbereiche des Bifie sind - neben den Tätigkeiten anderer Einrichtungen und Partner - wichtige Bausteine der Qualitätssicherung und -entwicklung im Schulwesen. Dazu gehört auch die Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien und Instrumenten zur freiwilligen Selbstevaluierung des Unterrichts. Das bietet Lehrkräften Orientierung über den aktuellen Leistungsstand ihrer Schüler und damit die Möglichkeit, individuelle Stärken und Schwächen zu fördern. Dieses Angebot nützen jährlich tausende Schulen. Wie gut diese und andere Innovationen im Schulwesen funktionieren, wird evaluiert.

Bildungsbericht

Im Nationalen Bildungsbericht dokumentieren und analysieren Bifie-Mitarbeiter mit Experten anderer Forschungseinrichtungen die erhobenen Daten. Damit geben sie einen Überblick über das österreichische Bildungssystem. Rund 180 Bifie-Mitarbeiter leisten im wissenschaftlich-pädagogischen Bereich als Praktiker mit Schulerfahrung oder als Wissenschafter verschiedenster Disziplinen, in der Verwaltung, in IT und Technik täglich einen wichtigen Beitrag, damit diese Einzelteile gelingen können und ein sinnvolles Ganzes ergeben. Dabei arbeiten die Bifie-Mitarbeiter objektiv und nach den aktuellen wissenschaftlichen Standards.

Es steht Ihnen frei, Aufgaben des Bifie und Kompetenzen der Mitarbeiter zu diskutieren. Aber schaffen Sie sich ein Fundament. Fragen Sie zuerst Löcher in den Bauch. Schauen Sie sich die Leistungen der vergangenen Jahre an, und urteilen Sie dann. (Bettina Toferer Cornelia Rieß,  DER STANDARD, 31.5.2014)

Bettina Toferer (Jg. 1981) arbeitet seit 2008 im Bereich der Internationalen Studien (Pisa, TIMSS und Pirls für das Bifie. Sie ist Vorsitzende des Betriebsrats.

Cornelia Riess (Jg. 1980) ist seit 2008 am Bifie beschäftigt, wo sie im Bereich Evaluation, Bildungsforschung & Berichterstattung arbeitet. Sie ist stv. Vorsitzende des Betriebsrats.

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