"Reigen Revisited": Cybersex im Wappensaal

30. Mai 2014, 18:50
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In Klagenfurt betten zehn österreichische Autoren Arthur Schnitzlers Einakterzyklus in den aktuellen gesellschaftlichen Kontext ein

Klagenfurt - Zehn kurze "Momentaufnahmen" variantenreicher Dialogsituationen aus Arthur Schnitzlers Einakterzyklus Reigen (1920 uraufgeführt) - im Umfeld von Verführung, Tabubruch und hinter Konventionen versteckter Sehnsucht - nahmen zehn österreichische Gegenwartsautoren als Inspirationsgrundlage, schrieben je eine Szene neu und betteten den Reigen in einen aktuellen gesellschaftlichen Kontext.

Ute Liepold, die Reigen Revisited im geschichtsträchtigen Wappensaal des Landhauses zu Klagenfurt inszeniert, geht es um eine "Überwindung geschlechtlich eng markierter Grenzen". Robert Woelfls "junge Frau" (mit einer überzeugend erotischen Magda Kropiunig als Ehefrau mit Lust auf ein Abenteuer) fordert vom Geliebten "ganz normalen Geschlechtsverkehr", der möchte aber lieber gemeinsam weinen.

Tabus bricht Karsten Krampitz mit der "Hure" im Wappensaal, die einem behinderten Heimbewohner (sehr intensiv Sissi Noe und Oliver Vollmann!) mechanisch Streicheleinheiten mit den Worten: "Kennst du das Spiel 'Krüppel aus dem Sack'?" zukommen lässt. Peter Truschner widmet sich virtuellem Sex und lässt seinen Protagonisten mit einer "frischen Neunzehnjährigen" aus dem Netz zum hastigen Höhepunkt kommen. In Stefan Hafners synchro schlägt "Er" bei der Porno-Synchronisation seiner slowenischen Kollegin einen "Deitsch Kärntner trifft Kärntner Slowenen-Porno" vor.

Aufgrund der großen Diversität bei der Qualität der Texte und der inhomogenen Schauspielleistungen bleibt diese Theater-Wolkenflug-Produktion, die zwar in ihrem Verzicht auf eine konsequent logisch reigenhafte Verkettung ein spannendes Spiel mit Rollenbildern zeigt, hinter ihren Möglichkeiten. Reigen Revisited ist in der Edition Meerauge als Buch erschienen. (Rieke Höller, DER STANDARD, 31.5./1.6.2014)

Bis 6. Juni 2014

  • Spannendes Spiel mit Rollenbildern: Sabine Kranzelbinder in "Reigen Revisited".
    foto: stefan schweiger

    Spannendes Spiel mit Rollenbildern: Sabine Kranzelbinder in "Reigen Revisited".


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