Urin nicht steril

30. Mai 2014, 16:07
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Ein Bakterienmix schützt Blase und Harnwege - zur Desinfektion ist Harn nie geeignet

Im kollektiven Gedächtnis ist mehr Unsinn gespeichert, als manche für möglich halten. Folgende Situation: Im Sommer trägt jeder gerne kurze Hosen. Wer stürzt, schlägt sich das Knie leicht auf. Blut, Schmutz in der Wunde, kein Wasser: der Dreck ließe sich doch mit Urin wegspülen, denn Urin ist doch ohnehin steril.

Aber Achtung, Achtung: Dass Urin steril ist, stimmt nicht. Auf seinem Weg aus dem Körper wird er von unserer Haut kontaminiert.

Auf der Konferenz der Amerikanischen Gesellschaft für Mikrobiologie stellte Evann Hilt von der Loyola Universität in Chicago ihre Studienergebnisse vor, denen zufolge auch im Urin von Menschen, die an keiner Harnwegsinfektion leiden und gesund sind, Bakterien vorhanden sind. Sie will herausfinden welche Bakterien es sind und ob ein Ungleichgewicht verstärkt zu Harnwegsinfekten führt.

Gute Flora schützt

„Wir wissen dass es Bakterien im Urin gibt, die entscheidende Frage ist, was sie machen“, sagt Hilt in einem Interview mit sciencenews.com. Was sie vermutet: Eine gute Flora schützt vor Infektion. In einer Studie an 83 Frauen – die Hälfte von ihnen litt an einer überaktiven Blase – konnten in 70 Prozent aller Probanden Bakterien nachgewiesen werden.

Die Forscher konnten 33 verschiedene Bakterienarten eruieren, etwa Actinobaculum schaalii oder Aerococcus urinae. Frauen mit überaktiver Blase hatten mehr Bakterien im Harn, doch keine litt an einer Harnwegsinfektion.

Ursprung des Mythos

Der Mythos, dass Urin steril ist, stammt übrigens aus den 1950er-Jahren. Der Epidemiologe Edward Kass suchte nach einer Möglichkeit, Harnwegsinfekte zu entdeckten, und erfand einen Test, für den Patienten den Mittelstrahlharn abgeben mussten.

Diesen Test gibt es bis heute. Im Labor wird die Bakterienzahl gemessen, als „negativ“ gilt, wenn die Bakterienanzahl einen genau definierten Schwellenwert nicht übersteigt. „Daher rührt wohl die Annahme vieler Mediziner, dass Urin keimfrei ist“, sagt Hilt.

Wenn Urin also nicht keimfrei ist, dann verändert das auch das Bild von Infektion. So wie die Darmflora dürfte es auch in der Blase eine Art von Bakterienmix geben, der in der richtigen Zusammensetzung gesund hält oder im falschen Verhältnis eben krank macht.

In jedem Fall gilt: Niemals auf eine blutende Wunde pissen. Wer kein sauberes Wasser zur Verfügung hat, soll den reinigenden Blutstrom seine Arbeit tun lassen. Schließlich bringt er weiße Blutzellen an die verletzte Stelle, die dann ihres Amtes walten können. (red, derStandard.at, 30.5.2014)

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    foto: ap
  • Harnproben enthalten immer Bakterien, keimfrei ist Urin nie.

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