Mytaxi-Chef Külper: "Was Uber macht, ist nicht legal

Interview30. Mai 2014, 14:35
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Sven Külper über Shitstorms, den Limousinen-Dienst Uber und Zukunftspläne

Im Januar kündigte das Hamburger Start-up Mytaxi an, sein Provisionsmodell umstellen zu wollen. Die Taxifahrer sollten Fahrten in Zukunft ersteigern können, indem sie freiwillig eine höhere Gebühr pro Fahrt an den Taxi-Vermittler zahlten. Die Änderung sorgte für viel Kritik auf Seiten der Fahrer. Sie wollten nicht miteinander in Konkurrenz treten und sich gegenseitig unterbieten.

Als Resultat verloren die Hamburger 1.000 Fahrer. Gleichzeitig wurden jedoch auch immer mehr Fahrten vermittelt. Mittlerweile hat sich die Lage etwas beruhigt. Neue Aufgaben warten die Gründer von Mytaxi. Wsj.de hat sich mit Firmen-Chef Sven Külper darüber unterhalten, was man aus einem Shitstorm lernen kann, welche Pläne das Unternehmen für die Zukunft hat, und warum ihm der Begriff "etabliert" nicht passt.

WSJ.de: Im Januar hatten Sie ein neues Provisionsmodell, das für viel Kritik sorgte. Was haben Sie aus dem – nennen wir es einmal so – Shitstorm gelernt, den es anschließend gab? Würden Sie heute wieder so handeln?

Sven Külper: Wir hatten definitiv einen Shitstorm. Man muss sich nur mal bei Facebook anmelden und kann sehen, was da passiert ist. Natürlich haben wir viel gelernt. Gerade was unsere Kommunikation angeht. Wir haben den Shitstorm unterschätzt. Wir waren und sind auch heute noch der Ansicht, dass das Preismodell fair ist. Unsere Meinung hat sich nicht verändert. Wir waren sehr überrascht, was da für eine Front auf uns zukam – auch emotional.

Im Nachhinein mussten wir viel Vertrauen, das abhandengekommen war, wieder aufbauen. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass wir sensibler damit hätten umgehen müssen. Wir hätten von vornherein überlegen müssen, wie wir die Taxifahrer zunächst einmal sachte abholen und Aufklärungsarbeit leisten.

WSJ.de: Wo kam der Shitstorm her? Waren es vor allem Taxifahrer oder auch Kunden, die ihrem Ärger freien Lauf gelassen haben?

Külper: Das kam massiv von den Taxifahrern. Für die war das etwas komplett Neues. Und es ist ja auch neu. Weltweit hat es so ein Modell noch nicht gegeben.

WSJ.de: Wie hat man reagiert? Wurde schnell ein Krisenstab einberufen?

Külper: Das war sehr intensiv. Es ging so weit, dass ich und mein Partner Nick (Mitgründer Niclaus Mewes, Anmerkung der Redaktion) im Callcenter saßen, um E-Mails zu schreiben – einfach, um das Vertrauen zurückzugewinnen. Dann waren wir mit einem Team unterwegs und haben uns mit den großen Taxiunternehmern zusammengesetzt. Da gab es viel Verständnislosigkeit. Darum haben wir es ihnen noch einmal erklärt.

Die Taxifahrer sind davon ausgegangen, dass sie nur noch Touren vermittelt bekommen, wenn sie 15 Prozent ihres Umsatzes abtreten. Das ist de facto nicht der Fall. Das ist nicht wahr. Nach dem ersten Monat wurde mehr als die Hälfte der Touren für unter fünf Prozent vermittelt. Die Befürchtungen sind also gar nicht eingetroffen. Wir mussten ihnen einfach die Angst nehmen.

WSJ.de: Wie haben sich die Proteste geäußert?

Külper: Wir hatten eine Demo vor der Haustür. Das war eine verrückte Erfahrung. Aber auch da sind wir runtergegangen mit unseren Teams, haben Stehtische aufgebaut und Kaffee verteilt. Das sollte keine PR-Aktion sein. Wir wollten uns hinstellen, wir wollten Fragen beantworten, wir wollten aufklären und uns nicht verstecken.

WSJ.de: Auch bei den Kunden gab und gibt es Kritik für das Vorgehen. Wie geht man damit um?

Külper: Möglichst transparent. Wir haben Bilanz-E-Mails verschickt, die abbilden, was für Mehrumsätze Mytaxi tatsächlich gemacht hat; welche Touren wir vermittelt haben; ob die Fahrer tatsächlich mehr bezahlen mussten.

WSJ.de.: Und haben sich die Wogen mittlerweile geglättet?

Külper: Das Vertrauen muss natürlich erst mal wieder aufgebaut werden. Mit dem jetzigen Stand sind wir aber sehr zufrieden.

WSJ.de: Es geht gerade hoch her in der Branche. Limousinen-Dienste wie Uber wildern im Lager der traditionellen Taxifahrer und machen sich damit nicht nur Freunde. Können Sie die Kritik an Uber und Co. verstehen?

Külper: Der Taximarkt ist hochgradig emotional. Wann immer es Veränderungen gibt, polarisiert das zunächst stark. Über das Konzept, das Uber jetzt verfolgt, hatten wir 2009 auch schon nachgedacht. Wir haben uns aus einem einfachen Grund dagegen entschieden: Es ist nicht legal. Wenn ich ein Geschäftsmodell aufbauen möchte, muss ich mich an die Gesetze und Regeln halten. So einfach ist das. Da geht die Diskussion auch gar nicht weiter.

WSJ.de: Ist es aus Ihrer Sicht denn sinnvoll, dass es diese Gesetze gibt?

Külper: Absolut. Es bedarf einer gewissen Expertise, um Menschen sicher von A nach B zu bringen. Darum gibt es schließlich den Personenbeförderungsschein. Es gibt bestimmte Dinge, die man erfüllen muss, damit alles sicher vonstattengeht. Dafür gibt es diesen P-Schein. Darum verstehe ich, dass es diese Gesetze gibt. Dass sie von einem Tag auf den anderen geändert werden, kann ich mir nicht vorstellen. Insbesondere in Deutschland. Aber ich bin auch gar nicht dafür.

WSJ.de: Warum hat es so lange gedauert, bis die Diskussion jetzt hochgekommen ist?

Külper: Gute Frage. Ich glaube, dass so ein Thema immer dann hochkommt, wenn eine gewisse Relevanz erreicht wurde. Solange es alles noch verhältnismäßig klein ist, solange geht es unterm Radar durch und keiner bäumt sich auf. Mittlerweile verfügt Uber jedoch über sehr große finanzielle Mittel – und schon ist das Thema viel brisanter. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass neben Uber mittlerweile auch Blablacar, Wundercar und Co. auf den Markt gekommen sind. Der Markt verdichtet sich.

WSJ.de: Wie sieht es mit der Konkurrenz für Mytaxi durch Firmen wie Car2go und Drivenow aus, die in großen Städten günstig Mietwagen bereitstellen?

Külper: Car2go ist von Daimler und hat auch in uns investiert. Wir können da keine Form von Kannibalisierung feststellen. Wir nennen immer ein Beispiel, wenn diese Frage gestellt wird: Ich fahre mit Car2go selbst in die Kneipe, trinke da drei Bier, und fahre mit dem Taxi wieder zurück. Den Nutzern sollen möglichst viele Mobilitätsmöglichkeiten angeboten werden. Da macht man am besten mit, als verängstigt zu sagen, wir kannibalisieren uns jetzt. Das würde in der Form keinen Sinn ergeben.

WSJ.de: Sie sind den Taxifahrern im Streit mit Uber gewissermaßen zur Seite gesprungen und befinden sich nun in der „ungewohnten Rolle als Verteidiger und Vertreter des Establishments", wie Martin Weigert es so schön genannt hat. Fühlen Sie sich in dieser neuen Rolle wohl?

Külper: Das haben wir natürlich mitgekriegt, und ich fand das richtig merkwürdig. Etabliert oder established ist für mich irgendwie negativ behaftet. Ich fühlte mich wie ein Whiskey aus dem 16. Jahrhundert. Das sind wir nicht, das waren wir nicht, und das werden wir auch nicht sein. Wir sind seit vielen Jahren auf dem Markt. Wir haben den ganzen Taxi-Markt auf den Kopf gestellt. Wir waren die ersten in Europa, die eine direkte Bezahlung von Mobil- zu Mobiltelefon ermöglicht haben. Das gab es in der Form noch nicht.

Auch bei Mytaxi Delivery waren wir einer der ersten, der gesagt hat, wir können Dinge in einer Stadt innerhalb von einer Stunde zustellen. Im Februar das neue Preismodell, hinter dem ein innovativer Algorithmus steckt – und zwei Monate später nennt man uns etabliert? Wir sind ein Innovationslabor und stehen nicht still.

WSJ.de: Muss man auf solche Aussagen reagieren?

Külper: Ja. So etwas möchte ich ungerne im Raum stehen lassen. Wir wollen auch weiterhin den Markt vorantreiben. Ich finde es nicht angemessen, als etabliert bezeichnet zu werden.

WSJ.de: Nun gibt es nicht wenige, die das Taxi-Segment als sehr beschränkt bezeichnen. Wo kann es noch hingehen?

Külper: Es gibt unterschiedliche Felder. Zu Beginn sollten die Kunden möglichst schnell ein Fahrzeug bekommen. Heute liegen wir bei etwa 3 Minuten Vermittlungszeit – durchschnittlich. Daran können wir also einen Haken machen.

Man muss sich das ein wenig wie die Maslowsche Bedürfnispyramide vorstellen. Ganz oben steht Schnelligkeit. Dann kommt Qualität. Das ist für uns ein großes Thema. Darum haben wir uns gekümmert und alle Fahrer mit einer Bewertung von weniger als 4,5 Sternen gesperrt. Die sind aus dem System verschwunden.

Mytaxi Delivery – der Lieferdienst mit Taxis ist ebenfalls ein wichtiger Bereich. Und dann bauen wir unsere Business-Accounts weiter aus. Das ist ein großes Feld, von dem eigentlich noch niemand etwas weiß.

WSJ.de: Dann erzählen Sie mal ein bisschen…

Külper: Es geht um den B2B-Bereich. Mitarbeiter, die dafür autorisiert wurden, können über die Mytaxi-App buchen, und am Ende des Monats bekommt das Unternehmen eine Sammelabrechnung. Das ist sowohl für die Angestellten sehr bequem, weil sie nicht länger jede Menge Quittungen sammeln und einreichen müssen. Aber auch für die Firmen selbst entfällt dadurch eine Menge Papierkram. Das sind gigantische Prozesskosten.

WSJ.de: Wie sieht es mit der Profitabilität aus? Wann soll es bei Mytaxi soweit sein?

Külper: Bis Ende 2014 wollen wir das schaffen. Und die meisten unserer Standorte sind bereits so weit. Wir sind auf einem guten Weg.

WSJ.de: Sie haben Ihr Hauptquartier in Hamburg und nicht in Berlin. Ergeben sich dadurch irgendwelche Nachteile für Ihr Unternehmen?

Külper: Eigentlich nicht. Es herrscht ja ein Krieg um die besten Techniker. Marketing ist auch wichtig. Aber am Ende geht es um Tech-Mitarbeiter. Da haben wir das Glück, dass es in Hamburg eine sehr gute Universität gibt, von der wir rekrutieren können.

WSJ.de: Wie viele Mitarbeiter hat Mytaxi jetzt?

Külper: 150. In Hamburg 70. Dort kümmert sich der Großteil ums Produkt. In den anderen Städten haben wir auch Büros. Denn es gibt ja noch die Offline-Welt. Berlin, München, Frankfurt, Köln, Barcelona… überall gibt es kleine Außenstellen, wo zwischen zwei und zwölf Mitarbeiter sitzen.

Das ist wichtig, um Vertrauen zu schaffen. Die Taxifahrer können vorbeikommen, man kann sich unterhalten und Kaffee trinken. Das hat einen gewissen Community-Aspekt. (Jörgen Camrath, wsj.de/derStandard.at, 30.5.2014)

  • Mytaxi macht herkömmlichen Taxizentralen Konkurrenz.
    foto: epa

    Mytaxi macht herkömmlichen Taxizentralen Konkurrenz.

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