Oldenburg: Sattelfest in Sachen sanfter Mobilität 

2. Juni 2014, 13:25
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Oldenburg gilt als die deutsche Fahrradkapitale. Touristen strampeln sich hier für eine Stadtrundfahrt samt Landpartie mit dem größten Vergnügen selber ab

"Pst, jetzt bitte nicht stören!" Sie müsse sich konzentrieren, sagt die Brückenwärterin Angela Boomgaarden. Es gebe viele Radfahrer, denen das Signal egal ist und die noch rüberwollen, bevor die Schranken schließen. Ob Touristen oder Geschäftsleute im feinen Anzug, ob Studierende oder Senioren, ob Eltern mit Kindern im Anhänger oder Leute, die ihren Einkauf erledigen – alle treten in Oldenburg in die Pedale.

Der Verkehrsclub Österreich hat die 160.000 Einwohner zählende niedersächsische Universitätsstadt erst unlängst als „Fahrradhauptstadt Deutschlands“ ausgewiesen. Und in seiner Studie herausgefunden, dass europaweit nur im niederländischen Städtchen Houten noch mehr Einwohner mit dem Rad unterwegs sind.

Wenn Angela Boomgaarden die Hubbrücke aus dem Jahr 1927 öffnet, um ein Binnenschiff durchzulassen, bildet sich hier ein Stau von Radfahrern. Unten auf den Schiffen ahnt kaum jemand, dass in der Kabine tatsächlich noch ein Mensch sitzt, der die Brücke betätigt. Die wenigsten schauen nach oben. Zu aufregend ist der Moment, wenn ein Schiff oft nur wenige Zentimeter knapp unter der Cäcilienbrücke durchgleitet.

Mehr Räder als Einwohner

Danach rattert die Hebebrücke wieder nach unten und bildet eine Fahrbahn, nach einem Klingelton öffnet sich die Schranke. Die Fußgänger haben gelernt, ganz außen zu gehen. Das ist gut so, denn immerhin gibt es in Oldenburg mehr Fahrräder als Einwohner.

Ganze Straßen sind ausschließlich dem Radverkehr gewidmet. Die meisten anderen verfügen zumindest über eine Radspur. Vor fast jedem Gebäude sind Radparkplätze eingerichtet, zwei Stationen, tagsüber bewacht und in der Nacht gesichert, gibt es direkt am Bahnhof – mit Plätzen für 1500 Räder. Angeschlossen ist eine Reparaturwerkstatt mit Verleih und Verkauf von Rädern und Spezialrädern für Körperbehinderte.

Die reiche Jugendstilarchitektur der Stadt ist für viele Touristen Grund genug, samt Rad in den Zug zu steigen und am Oldenburger Bahnhof ihre Rundfahrt zu beginnen. Denn schon nach wenigen Pedaltritten macht sich das Erbe der Grafen, Herzöge und Großherzöge bemerkbar, die über die Jahrhunderte hier residierten: durch das prächtige Staatstheater oder das Elisabeth-Anna-Palais, heute Sozialgericht; durch das Prinzenpalais mit Kunst aus dem 19. und 20. Jahrhundert oder das Augusteum mit den Alten Meistern; durch das Oldenburger Schloss, das heute ebenfalls Museum ist.

Sicherlich Postkartenmotive

Auf einem Schild über einer unscheinbaren Tür auf dem Schlossplatz stößt man dann auf folgende Inschrift: „In diesem Hause erfand am 16. Juli 1870 der Hof-Druckereibesitzer August Schwartz die Ansichtskarte.“ Ob der Oldenburger tatsächlich der Erste war? Wer kann das schon sagen. Sicher ist, dass die Stadt einiges hergibt an Postkartenmotiven – viel Wasser und Grün inklusive.

Allerdings nicht nur künstlich angelegt wie im Schlossgarten, der dieses Jahr sein 200. Jubiläum feiert und zu den schönsten in Deutschland zählt; auch nicht nur im Botanischen Garten, in dem es mehr als 7000 Pflanzenarten zu entdecken gibt. Denn schon nach ein paar Radminuten von der Innenstadt entfernt stößt man auf Pferdekoppeln, Viehweiden und Bauernhöfe, viele davon Gulfhäuser in der traditionellen niedersächsischen Ständerbauweise errichtet und mit Reet gedeckt. In den sogenannten Melkhuisken entlang der Fahrradroute wird "ab Hof“ verkauft: frischer Topfen, Shakes und selbstgemachtes Eis, alles aus regionaler Milch.

Mehr als 100 Kilometer lang ist die Fahrradroute um Oldenburg – und nur eine von vielen zwischen Nordsee, Weser, Moor und Geest. Wer es auf einer Tagestour bis zur kleinen Hafenstadt Brake schafft, kann von dort zur größten Flussinsel Europas, nach Harriersand, übersetzen und ein Picknick am Sandstrand genießen. Die Fähre befördert keine Autos – nur Menschen, Tiere und Fahrräder. (Laelia Kaderas, Album, DER STANDARD, 31.05.2014)

  • So radlos sieht man das Oldenburger Ensemble um die Alte Wache nur früh morgens. Es handelt sich dabei übrigens um Oldenburg / Oldenburg, und das liegt im Bundesland Niedersachsen, rund 50 Kilometer westlich von Bremen und 80 Kilometer östlich der niederländischen Grenze. Nicht zu verwechseln mit dem kleinen Städtchen Oldenburg / Holstein in Schleswig-Holstein. Das liegt nördlich von Lübeck und hat weniger als 10.000 Einwohner.
Info: Stadt Oldenburg oder Oldenburg Tourismus
    foto: stadt oldenburg

    So radlos sieht man das Oldenburger Ensemble um die Alte Wache nur früh morgens. Es handelt sich dabei übrigens um Oldenburg / Oldenburg, und das liegt im Bundesland Niedersachsen, rund 50 Kilometer westlich von Bremen und 80 Kilometer östlich der niederländischen Grenze. Nicht zu verwechseln mit dem kleinen Städtchen Oldenburg / Holstein in Schleswig-Holstein. Das liegt nördlich von Lübeck und hat weniger als 10.000 Einwohner.

    Info: Stadt Oldenburg oder Oldenburg Tourismus

  • Die 1927 eröffnete Cäcilienbrücke besitzt einen Hubmechnismus, damit Schiffe den Kanal passieren können. Ist sie geschlossen, wird sie hauptsächlich von Radfahrern genutzt.
    foto: oldenburg tourismus und marketing gmbh /verena brandt

    Die 1927 eröffnete Cäcilienbrücke besitzt einen Hubmechnismus, damit Schiffe den Kanal passieren können. Ist sie geschlossen, wird sie hauptsächlich von Radfahrern genutzt.

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