Literatur auf Irrwegen

Kolumne30. Mai 2014, 17:09
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Mit Pippi Langstrumpf auf der falschen Bahn

"Kinder sind die Blumen des Lebens auf unseren Gräbern", sagte in einem Kinderfilm der russische Märchenbösewicht Barmalej, das Äquivalent zum Räuber Hotzenplotz, der aber dem Hang zum philosophischen Drama immer wieder nachgibt, statt sich mit Kaffeemühlen und ähnlichem Klimbim abzugeben.

Das ist auch der, der seinen Gegenspieler, den guten Doktor Au!-das-tut-weh!, zum bloßen Zeitvertreib auf einem Feuerchen rösten möchte mit der Begründung, etwas mehr Öl ins Feuer der Geschichte gießen zu wollen. Besondere Sorge bereiten jene Kinder, die mit großer Freude literarische Vorbilder suchen und auch finden. Zwei Tage nach seinem achten Geburtstag teilte der mit Twains Werk beschenkte Sohn einer Freundin mit: "Danke. Tom Sawyer hat mir wirklich eine ganze Menge guter Ideen gegeben", seitdem fürchtet sich die Familie, was ihm da genau vorschwebt. Nachdem kein Garten vorhanden ist, können nur waghalsigere Aktionen gemeint sein.

Jetzt ist die Reue groß: Jedoch es ist zu spät. Und wenn noch unvernünftigere Eltern renommierte Jugendbücher verschenken, die das Kind direkt auf die schiefe Bahn zwingen, ist das Elend komplett! Michael Endes Werke? Ganz schlecht. Momo verleitet dazu, dem Leistungsgedanken zu widerstehen: Es droht eine juvenile Absage an die Generation Praktikum, ein Desinter esse an Konsumfreuden, alles in allem: unkonstruktive und damit gesellschaftlich beunruhigende künstlich herangezüchtete Verweigerer. Ganz zu schweigen von den Brüdern Löwenherz: Nicht nur Eskapismus wird da gepredigt. Sondern dem Kind gar Sterbehilfe nahegelegt, wenn nicht kollektiver Selbstmord!

Wenn die Ikone jeder kind lichen Anarchie, Pippi Langstrumpf, das Kind durch die Latenzphase begleitet hat, läuft es spätestens in der Pubertät Gefahr, auch gewaltlos agierend auf Demos eingekesselt und zusammengeschlagen zu werden. Jugend schützt vor Schlägen nicht. Nicht einmal Friedfertigkeit. Rote Haare, bunte Strümpfe, jung, rotzfrech und keinerlei Respekt vor der Obrigkeit.

Und dann noch ein Aussteiger in der Südsee als Vater, und der Hang zu freien Tieren, die gleiche Rechte haben wie Menschen! Könnte den Staat zu jahrelanger, ungerechtfertigter Verfolgung animieren. Auch Klassiker sind nicht ohne. Die Odyssee? Der Held ein Migrant, ein ille galer Grenzgänger und Lügen bolzen, der seine Frau zu Hause warten lässt und sich mit Nymphen vergnügt! Wer seinen Sprösslingen etwas wirklich Gutes tun möchte, ziehe den Zauberlehrling heran. Dieser hat mit seiner Methodik große Erfolge in Wirtschaft und Politik zu verbuchen. Tausend Besen können schließlich nicht irren. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 31.5./1.6.2014)

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