Betonmauer-Reflex

Kommentar30. Mai 2014, 13:43
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Den Personalvertretern fällt zu den Missständen im Strafvollzug der Ruf nach mehr Personal ein - das ist zu wenig

Albin Simma ist sich ganz sicher: Jene krassen Fälle von Vernachlässigung eines Häftlings (Stein) und Misshandlung (Suben) sind "Einzelfälle", sagt der Personalvertreter. Die Suspendierung der betreffenden Justizwachebeamten sei verkehrt, weil viel zu spät ausgesprochen worden (?), und überhaupt: Das Gros der Beamten verrichte "ausgezeichnete Arbeit". E basta.

Da ist er wieder, der gewerkschaftliche Betonmauer-Reflex: Mia san mia, und in die Suppe lassen wir uns schon gar nicht spucken. So werden sich die immer drängenderen Probleme im österreichischen Strafvollzug freilich nicht lösen lassen. Auch einem Personalvertreter ist zuzumuten, dass er bereit ist, die inhaltliche Qualität "seiner" Arbeitnehmer einmal auf den Prüfstand zu stellen. Wenn Wolfgang Gratz, der ehemalige Leiter der Strafvollzugs-Akademie, in einem "Mittagsjournal"-Interview von einer "Verpolitisierung der Strafvollzugsverwaltung" spricht "mit dem Ergebnis, dass relativ oft Personen in Führungsfunktionen kommen, die dafür nicht qualifiziert sind" – dann ist das doch wohl eine Kritik, die man ernst nehmen muss. Und noch etwas gibt zu denken: Gratz spricht davon, dass viele Beamte die Inhaftierten als "Feinde" ansähen. Und die Videodokumente des "Einzelfalls" in Suben sprechen dafür, dass er recht hat.

Da kann man nicht einfach mit dem Ruf nach "mehr Personal" kontern. Da stimmt wohl etwas nicht bei Rekrutierung und Ausbildung. Wenn in der Justizwache tatsächliche Leute das Sagen haben, denen es primär um Bestrafung statt um Therapie und Resozialisierung geht, fehlt es an grundsätzlichem Wissen und Wollen um einen modernen Strafvollzug. Diese Mauern müssen eingerissen werden, das würde auch den Justizwachebeamten selbst am meisten nützen. Denn die Personalvertreter klagen auch über erhöhte Burnout-Raten. Aus bloßem Wegsperren und Abstrafen einen qualifizierten Betreuungsjob zu formen müsste auch die Arbeitszufriedenheit bei der Justizwache steigern. Stattdessen gibt es gewerkschaftlichen Beton – der wird keine Bewegung ins System bringen. (Petra Stuiber, derStandard.at, 30.5.2014)

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