Lyrik in historischer Landschaft

30. Mai 2014, 18:46
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Das "europäische Karussell" versammelt die Lyrik des Slowaken Rudolf Jurolek, der Bosnierin Adisa Basic und des Ungarn Ákos Fodor in einem Band. Randbemerkungen zu drei osteuropäischen Dichtern

Nicht jede Poesie bietet einen leichten Zugang. So wirken Rudolf Juroleks Texte auf erstes Lesen geradezu kryptisch. Der Dichter stellt sich in eine abstrakte Landschaft und reflektiert auf das eigene Dichtersein: "Ein weißer Berg/ vor/ blauem Himmel./ Ein eiskalter/ Schneeklumpen in der Hand./ Ich schreibe Gedichte,/ mein Gott, ein Mann schon fast fünfzig,/ Ich schreibe Gedichte." Seine asketisch und mystisch orientierte Verskunst suggeriert eine Gefühlswelt, in der sich ein Mensch von Programmen und Zielsetzungen frei macht. Mal gibt er sich melancholisch: "Sei unbesorgt:/ Das Leben unterwirfst du dir nicht,/ Erlösung kommt keine;/ aber glücklich/ sterben kannst du", mal philosophisch: "Wenn alles, was herauskommt,/ der durchschrittene Weg ist,/ die Müdigkeit in den Beinen,/ der Wind, diese Unruh der Landschaft,/ der Himmel darüber: noch eine Welt./ Das Leben ist möglich."

Slowakischer Laotse

Wer ist dieser melancholische slowakische Laotse? - fragt man sich auf der Suche nach dem poetischen Ich. Eine direkte Enträtselung wäre profan. Erfährt man jedoch, dass Jurolek in dem nordslowakischen Dorf Breza lebt, so ergibt sich aus dieser Tatsache ein denkwürdiger Kontext. Der "weiße Berg vor blauem Himmel" gehört zur Tatra.

Breza selbst liegt in der Region Orava, die gewissermaßen die Wiege der slowakischen Dichtung war. Dreißig Kilometer vor Breza befindet sich das Städtchen Dolny Kubin, in dem zwei Nationaldichter der Slowakei gelebt haben: Janko Matúska (1821-1877) und Pavol Országh Hviezdoslav (1849- 1921). Matúska war ein romantischer slowakischer Patriot, Autor der Nationalhymne Es blitzt über der Tatra, welche 1920 in die tschechoslowakische Staatshymne integriert wurde. Hviezdoslav war ein Literat in mehreren Kunstgattungen, übersetzte Goethe, Puschkin und ungarische Lyrik in seine Muttersprache und gilt bis heute als Idol der slowakischen Kultur.

Das sind trockene literaturhistorische Daten, aber ich habe einen persönlichen, beinahe familiären Bezug zu ihnen. Mütterlicherseits stammt meine Sippe eben aus Dolny Kubin, wo der Urgroßvater Leopold Berliner Kantor der städtischen Synagoge war. Sowohl die Kreisstadt als auch die Region ("Komitat Árva") gehörten damals zur k. u. k. Monarchie.

Dolny Kubin hieß Alsókubin und war ungarisch verwaltet. Selbstverständlich kannte dort jeder den Herrn Hviezdoslav, allerdings nicht unter seinem poetischen Pseudonym ("Stern der Slawen"), sondern als Rechtsanwalt Pál Országh, den die ungarischen Bürger nur "Országh Pali bácsi" nannten.

Offensichtlich fand die Familie Berliner kein Auskommen in Kubin, denn der Kantor Leopold zog am Ende des 19. Jahrhunderts nach Budapest samt seiner Gattin und fünf Kindern, unter ihnen mein Großvater Ármin. 2001 besuchte ich die Geburtsstadt meiner Ahnen. Auf dem vernachlässigten jüdischen Friedhof fand ich noch manche Grabsteine mit der Inschrift "Berliner" - offensichtlich waren sie aus Friedrichs Preußen in die tolerantere Welt von Maria Theresia geflüchtet. Von dem nach Hviezdoslav benannten Hauptplatz sah ich den "weißen Berg vor blauem Himmel", ungefähr so wie seinerzeit der Nationaldichter, der Autor der Nationalhymne, oder eben heute der Lyriker Rudolf Jurolek.

Die Bosnierin Adisa Basic ist ähnlich wie ihr slowakischer Kollege Meisterin der Kurzform. Den historischen Hintergrund ihrer Lyrik bilden die apokalyptischen Neunzigerjahre mit dem Bosnienkrieg, der an die hunderttausend Opfer forderte. Basic richtet aber unser Augenmerk nicht auf die Massenkatastrophe, sondern auf das Ausgeliefertsein der Einzelnen. So das Fazit eines Familienvaters im Gedicht "Rache": "Ich weiß, wer/ meine Frau/ und meinen Sohn/ und meine Tochter ermordet hat./ Ich weiß, einer von ihnen ist zurückgekehrt./ Er hat eine Bäckerei./ Aber ich sehe zu, dass ich/ bei ihm niemals etwas kaufe." Oder im pathos- und gnadenlosen "Irrtum": "Er dachte,/ dass niemand Frauen und Kinder quält,/ und er ließ uns zurück,/ Mutter und mich." Schließlich in dem extrem lakonischen Vers "Beruf": "Früher war ich Juristin./ Heute bin ich Opfer."

Auch diese bosnische Lyrik weckt in mir persönliche und historische Reminiszenzen. Denn auch die Stadt Sarajevo, in der Adisa Basic lebt, zog in unsere Familienüberlieferung ein. Dort nahm nämlich der Erste Weltkrieg seinen Anfang, obwohl das kleine Bosnien daran völlig unschuldig war. Trotzdem blieb das friedliche Städtchen, wie ich es von vergilbten Ansichtskarten kannte, in den Augen meiner Großmutter der Ort unseres Unglücks. Ihr Gatte, der in Dolny Kubin geborene Ármin Berliner, wurde gleich nach der Kriegserklärung der Monarchie in die Armee einberufen.

Einen Monat verbrachte er in der Kaserne des 71. Infanterieregiments in Trencín, heute Slowakei. Offensichtlich wollte er die eigenen Ängste beruhigen, als er in einem Brief an die Großmutter schrieb: "Ein paar Millionen Menschen sind ja weit fort von ihren Familien. Es sind bestimmt historische Zeiten, aber hoffen wir, dass sie bald vorüber sind, und dann kann ich wieder nach Hause." Ein paar Wochen später geriet er in russische Gefangenschaft, aus der er nie mehr zurückkam.

Wie Jurolek neigt auch der Ungar Ákos Fodor zur Selbstreflexion in seiner äußerst sparsamen Haikuform: "Meine Gedichte?/ ach was. - Gedichte die ich/ bloß schreiben durfte."

In der Gestik der Rücknahme des eigenen Ichs äußert sich zweifelsohne eine reduzierte Sichtweise, in der der lyrische Text wie ein Konzentrat des Durchlebten, Durchfühlten und Durchdachten entsteht.

Außerdem enthält fast jedes Gedicht etwas Unausgesprochenes, wobei der Leser - dem Zuhörer von Witzen nicht unähnlich - die Pointe selber auflösen muss. So im "Brecht-Echo": "Was überhaupt ist/ ein Menschenmord im Vergleich/ zu einer Zeugung?!"

Die Wirkung dieser Zeilen wird dadurch erhöht, dass sie offen auf die berühmte Brecht'sche Parallele "Bankraub - Bankgründung" aus der "Dreigroschenoper" Bezug nehmen. Die Konvertierung des politischen Aphorismus in tragische Lebensphilosophie muss der Leser selbst vollenden. Geburt (Zeugung), Leben und Dichten bilden bei Fodor ohnehin eine Triade, wobei ein Haiku das andere ergänzt und interpretiert. So das János Pilinszky gewidmete "Lebenslang": "mit meiner Geburt/ zerbrach etwas. Das klebe/ ich nun zusammen." Oder die "Abschlussbilanz", welche einer negativen Ars poetica gleicht: "Jedes Lebenswerk/ kostet jeweils ein Leben."

Rohe Töne der Außenwelt

Hält sich Jurolek gegenüber den externen Geschehnissen auf Distanz, während Basic diese sogar zu einem Hauptthema macht, so sickern bei dem ungarischen Autor die rohen Töne der Außenwelt gelegentlich durch: "Egal, wie falsch der Friede,/ er taugt zu mehr als/ Heilige Kriege" (Vox humana), oder in "Der Frontsoldat kehrt heim": "Was bis gestern noch/ Pflicht war: ist ab heute ein/ schweres Verbrechen." Zum tieferen Verständnis der zitierten Gedichte gehört die Tatsache, dass Ákos Fodor ebenso wie der Autor dieser Zeilen der unmittelbaren Nachkriegsgeneration angehört, für die der Krieg keine Abstraktion war und die auch die blutigen Konflikte der postkommunistischen Ära - Bosnien, Irak, Afghanistan - als konkreten Albtraum beobachteten, selbst wenn sie einen lediglich über die Medien erreichten, wie dies in "Kurznachricht von der Börse" beschrieben wird: "Der Fasspreis für Blut,/ Schweiß und Tränen befindet/ sich nun im Sturzflug."

Das versteckte Zitat stammt aus Churchills Parlamentsrede vom 13. September 1940, aber der lakonische Untertitel des Gedichts besteht aus einem anderen schlichten Datum: "11.09.2001" - dem Tag des Terrorangriffs der Al-Kaida auf die Türme des World Trade Center in New York. (György Dalos, Album, DER STANDARD, 31.5./1.6.2014)

György Dalos, geb. 1943 in Budapest, ist ungarischer Schriftsteller und Historiker. 2010 wurde ihm der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen.

Ein europäisches Karussell

Zwischen 2006 und 2012 nominierten lokale Jurys aus 16 Ländern (Bosnien, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, Ukraine und Ungarn) Autorinnen und Autoren, aus denen eine internationale Jury, zuerst unter dem tschechischen Schriftsteller Jiří Gruša (1938–2011), dann unter seinem ungarischen Kollegen György Dalos Preisträger aussuchte, die mit dem Bank-
Aus tria-Literaris-Preis für Prosa, einer Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben "Writer in Residence"-Stipendien von KulturKontakt Austria gewürdigt wurden. Die Aktion „Ein europäisches Karussell“, im Rahmen deren der Standard zehn Texte osteuropäischer Autoren pu bliziert, will einen Beitrag zur verstärkten Rezeption osteuropäischer Literatur leisten. Es werden Autoren besucht und mit ihrer Literatur in der Landschaft präsentiert: vom Roadmovie zum Road-Feuilleton.

Zum "Europäischen Karussell" erscheint ein Kartonschuber mit neun Bänden 2222 S., € 75 plus zehn Euro Versand kosten, versandkostenfrei für STANDARD-Abonnenten.

Die Aktion wird unterstützt von: DER STANDARD, Bank Austria Literaris, Ö1 und dem Wieser-Verlag.

Zu beziehen über Ihre Buchhandlung oder über: office@wieser-verlag.com, Fax: 0463/370 36, per Post: Wieser-Verlag, 8.-Mai-Straße 12, 9020 Klagenfurt/Celovec. Ö1 spielt vom 4. Mai an "Karussell"-Texte in "Ex Libris" (jeweils Sonntag 16 Uhr).

www.wieser-verlag.com

  • Die EU-Erweiterung vor zehn Jahren brachte nicht nur neue literarische Schätze nach Europa, sondern auch Naturschätze wie etwa den slowakischen Nationalpark Hohe Tatra.
    foto: apa

    Die EU-Erweiterung vor zehn Jahren brachte nicht nur neue literarische Schätze nach Europa, sondern auch Naturschätze wie etwa den slowakischen Nationalpark Hohe Tatra.

  • György Dalos erkundet die Landstriche und Lyrik aus Osteuropa.
    foto: apa / hendrik schmidt

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