Das hab ich mir von den Beduinen abgeschaut 

2. Juni 2014, 05:30
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Die Wiener Künstlerin Barbara Anna Husar wohnt in einer sanierten Altbauwohnung im 20. Bezirk. Auf ihrem kleinen Balkon fühlt sie sich manchmal wie Tarzans Jane

Die Wiener Künstlerin Barbara Anna Husar wohnt in einer sanierten Altbauwohnung im 20. Bezirk. Auf ihrem kleinen Balkon fühlt sie sich manchmal wie Tarzans Jane. Michael Hausenblas machte sich davon ein Bild.

"Ich wohne jetzt seit neun Jahren in einer 70 Quadratmeter großen Altbauwohnung im 20. Bezirk, direkt am Sachsenpark. Das Schöne an dieser Hauptmietwohnung ist, dass man im Kreis herumgehen kann. Los geht es in einem kleinen Vorzimmer, dann geht's weiter in die Küche, von dort gelangt man in einen Wohnraum, in dem ich schlafe und Computerarbeit erledige, und von diesem Zimmer erreicht man dann den wichtigsten Raum, das sogenannte Stempelzimmer. Ein Bad gibt es natürlich auch. Und einen kleinen Balkon, von dem aus ich auf die mächtigen Baumkronen im Park blicken kann. Wenn ich dort sitze, ist es ein wenig, als befände ich mich in einem Baumhaus, so wie Tarzan und Jane. Manchmal wirken die vielen Farben der Blätter auf mich wie ein Korallenriff.

Barbara Anna Husar in der Küche ihres - wie sie es selbst nennt - "Schneckenhauses" in Wien-Brigttenau, in dem es ein eigenes Zimmer nur für Stempel gibt. (Foto: Lisi Specht; Bildansicht durch Klick vergrößern)

Zu der Wohnung kam ich aus einer plötzlichen Notsituation heraus. Ich habe davor in einem großartigen Loft auf 200 Quadratmetern im zweiten Bezirk gewohnt. Da gab es ein 20 Quadratmeter großes Panoramafenster. Als mein damaliger Lebensgefährte und ich kurzfristig ausziehen mussten, befand ich mich gerade in Sibirien.

Die Wohnung hier war schon ein ziemlicher Abstieg, zumal ich alles neu machen musste: Leitungen, Fußbodenheizung, Betonboden und so weiter. Doch mittlerweile fühle ich mich hier sehr wohl. Schon eigenartig, wie sich manchmal die Perspektiven ändern. Außerdem habe ich ja noch mein großes Atelier in einer ehemaligen Zuckerlfabrik ganz in der Nähe. Dort wird nicht nur gearbeitet, dort findet auch mein soziales Leben in Form von Besuchen, Festen und Salons statt. Hier in die Wohnung hingegen kommt so gut wie nie Besuch. Das ist mein Rückzugsort und Schneckenhaus. Als Künstlerin steht man ja doch immer wieder sehr in der Öffentlichkeit.

Der wichtigste Raum ist, wie gesagt, das Stempelzimmer. Da gibt es circa 1600 Stempel, die eine Art analoge Festplatte darstellen. So wie andere Skizzen- oder Tagebücher führen, speichere ich jedes meiner Projekte in Form von Text- und Bildstempeln ab. Ich lasse sie alle extra anfertigen. Man könnte das auch als Forschungslabor bezeichnen, in dem jede meiner Arbeiten ihren Anfang und auch ihren Titel findet. Hier an diesem Mischpult zu sitzen ist die beste Droge, die es für mich gibt.

Die Wohnung ist eine Art Basislager. Das hab ich mir bei den Beduinen abgeschaut. Während der letzten 20 Jahre verbrachte ich im Schnitt einen Monat pro Jahr in der Wüste, und zwar auf der Halbinsel Sinai. Mir gehört dort sogar eine Ziegenherde, aber das ist eine andere Geschichte. Für einen Beduinen ist seine Decke sein Zuhause. Mit ihr deckt er sich zu, sie ist aber auch Transportbehältnis sowie Sattel, Wind- und Sonnenschutz. Klar genieße ich meine Fußbodenheizung und meine Badewanne, aber in der Wüste auf dem Boden zu schlafen ist auch etwas ganz Besonderes. Diese Art, kein Dach über dem Kopf zu haben, ist eine wunderbare Raumerfahrung. Wenn ich aus der Wüste wieder nach Wien zurückkehre, nehme ich die Straßenfluchten in den ersten Tagen immer wie Gesteinsformationen am Sinai wahr.

Das gilt auch für mein Bad. Ich habe beige Fliesen mit rosaroten Fugen - im richtigen Licht erzeugt das eine Atmosphäre wie in der Wüste. Darum nenne ich mein Bad auch Wüstenzimmer. Meine lindgrüne Badewanne hat mir ein Freund um einen Euro auf Ebay ersteigert. Sonst wäre sie eine Viehtränke geworden. Stilistisch bin ich, bis auf ein paar alte afghanische Möbelstücke, eher der Vintage-Typ, wobei mir die Dinge auf günstigem Weg zufliegen. Ich denke, ich bin mit all den Dingen in meiner Wohnung verknüpft. Alles drückt mir seinen Stempel auf - und umgekehrt." (DER STANDARD, 31.5.2014)

Barbara Anna Husar, geboren 1975, stammt aus Vorarlberg, ist bildende Künstlerin, Performerin, Autorin und Regisseurin. Sie studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien sowie an der Gerrit Rietveld Academy in Amsterdam. Sie erhielt das österreichische Staatsstipendium und ist Hubert-Berchtold-Preisträgerin. Husar arbeitet u. a. mit den Medien Zeichnung, Malerei, Foto, Trickfilm, Installation und Performance. Soloausstellungen hatte sie zum Beispiel im Naturhistorischen Museum in Wien, in der Wiener Galerie Konzett sowie im Kunstverein Ulm.

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husar.tk

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