Sean hat eine Krise

Kolumne8. Juni 2014, 17:21
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Fantastische Geschichten aus der Welt der Werbung - heute die Calvin-Klein-Kampagne: Warum Seans Arbeitstag eine Qual gewesen war

Sean Swinton sank erschöpft auf sein Sofa. Der stechende Schmerz im Schläfenbereich wurde immer schlimmer – es fühlte sich schon seit Stunden so an, als ob ein Wahnsinniger mit einem Meißel auf seinen Kopf einhämmern würde.

Sein Arbeitstag bei Trendcheck, dem größten britischen Marktforschungsinstitut, war wieder einmal eine Qual gewesen. Er hatte da seit einigen Monaten einen neuen Chef, der, euphemistisch ausgedrückt, so seine Eigenheiten hatte.

foto: lukas friesenbichler/werbemotiv von mert & marcus

Dwight D. Dillingham war nur unwesentlich größer als ein Gartenzwerg, ähnelte physiognomisch einer Kröte und hielt die Kombination von rosaroten Ralph-Lauren-Hemden und mintgrünen Wildlederloafers für einen kreativen Kleidungsstil. Er war von Saatchi & Saatchi zu Trendcheck gewechselt, dort hatte er Kampagnen für die "Sun“ und ein paar Bierkonzerne produziert.

Beinahe jede Arbeit, die Sean Dillingham ablieferte, wurde von seinem Chef präsentationstechnisch auffrisiert, nach dem Motto: größer, lauter, greller. Wenn Dillingham statt für Seans Abteilung bei Trendcheck für das Management der St. Paul‘s Kathedrale zuständig gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich erst einmal deren Kuppel signalgelb anstreichen lassen – aus Angst, dass das Bauwerk sonst von keinem wahrgenommen würde.

Hässlich-herrische Ministerin

Sean fühlte sich zermürbt. Was sollte er nur tun? Eigentlich könnt er mal wieder Tante Tilda anrufen. Sie war der klügste und gelassenste Mensch der Welt, und sie wusste immer einen guten Rat. Gott, ihre Performance als hässlich-herrische Ministerin in "Snowpiercer“ war unfassbar gut gewesen. Sie war damit in Seans Ranking der besten Darstellerinnen böser Frauen auf Position drei geklettert. Rang zwei hielt Kathy Bates als böser Literatengroupie in "Misery", die Königin der Kälte war natürlich Louise Fletcher als Oberschwester Ratched in "Einer flog über das Kuckucksnest".

Aber bei Tante Tildas Handy kam Sean leider nur auf die Mailbox. Wahrscheinlich drehte sie gerade wieder irgendwo. Sean öffnete ein Fenster, kühle Abendluft strömte in sein Loft im Londoner Eastend. Vielleicht sollte er einfach morgen mit Dillingham reden, in aller Ruhe, und ihm sein Problem mit ihm darlegen. Sean atmete tief ein, sein Kopfschmerz fühlte sich schon etwas weniger schlimm an. Es würde sicher eine Lösung geben. Morgen war wieder ein neuer Tag. (Stefan Ender, derStandard.at, 8.6.2014)

  • Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Phantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Werbemotiv stammt von Mert & Marcus.
    foto: lukas friesenbichler

    Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Phantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Werbemotiv stammt von Mert & Marcus.

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