Feinarbeiter und hüftsteifer Tänzer

29. Mai 2014, 19:31
6 Postings

Das Orchestre de Paris und Paavo Järvi im Wiener Musikverein

Wien - So fein, so filigran die flinken Achteltriolen der hohen Streicher beim Beginn von Modest Mussorgskis Eine Nacht auf dem kahlen Berge: Man hatte das Gefühl, das Flirren der Atmosphäre quasi unter einem Vergrößerungsglas verfolgen zu können.

Paavo Järvi, das war am ersten Abend des Gastspiels seines Orchestre de Paris im Musikverein bald klar, ist ein Akribiker. Mehr auf apollinisches Maßhalten denn auf dionysischen Rausch aus, präsentierte er Mussorgkis beliebten Kracher straff durchexerziert, mit immer schlankem Klang. Das Orchestre de Paris funktionierte mit der Präzision und der Feingliedrigkeit eines Schweizer Uhrwerks.

Bei Igor Strawinskys Feuervogel-Suite gab der gebürtige Este zwar auch ordentlich Zunder - speziell im Höllentanz des Königs Kaschtschei, der auch dann gleich noch einmal als Zugabe aufgeführt wurde. Doch die wirklich herausragenden, einzigartigen Momente schuf der 51-Jährige beim Rundtanz der Prinzessinnen: unendlich zart gearbeitete Klangbilder, mit bleistiftstrichdünnen Konturen.

Wenn man Ravels wundervolle Valses nobles et sentimentales nur in der Klavierfassung kennt, erscheint die Orchesterfassung des Komponisten klanglich fast etwas überbevölkert; und speziell bei der Wiedergabe der Franzosen schienen die hohen Streicher mit ihrem melodischen Material in ersten Walzern im Klangmeer von Schlagwerk und tiefen Streichern fast zu ertrinken. Järvi erwies sich bei den Miniaturen mitunter als etwas hüftsteifer Tänzer.

Mit leidenschaftlichem Engagement präsentierte Tatjana Vassiljeva dann Schostakowitschs erstes Cellokonzert. Leider auch mit einem durchsetzungsschwachen Instrument: Trotz eines rücksichtsvoll agierenden Orchesters hörte man den Solopart oft kaum. Muss das Seitenthema des Stirnsatzes nicht wie ein rasender Kopfschmerz sein? Man konnte dessen Dringlichkeit nur erahnen. Dennoch Begeisterung. (Stefan Ender, DER STANDARD, 30.5.2014)

Am 30. und 31. 5. Fortsetzung des Gastspiels u. a. mit Messiaen

Share if you care.