Alt und neu in Ägypten

Kommentar29. Mai 2014, 18:44
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Abdelfattah al-Sisi wird mit den Wahlen von der Ikone zum normalen Präsidenten

Das waren keine guten Tage für Abdelfattah al-Sisi, der sich in einem Interview vor der Wahl die Beteiligungslatte mit 80 Prozent ziemlich hoch gelegt hatte. Der ägyptische Präsident in spe hat sich selbst in das Legitimationsdefizit hineingeritten, in dem er durch das enden wollende Interesse, das die Ägypter und Ägypterinnen an den Präsidentschaftswahlen zeigten, steckt: Sein Umstieg vom Armeechef zum Staatschef war ja stets von der Argumentation getragen, dass es das sei, was "das Volk" wolle. Die Zustimmung zur von ihm georderten Verfassung im Dezember betrachtete er als ersten Schritt. Die Präsidentenwahl sollte die Vollendung seines Mandats sein.

Aber das Volk ist nicht blöd. Außer den Muslimbrüdern und ihren Anhängern und jener - überschaubaren - Anzahl von Demokratiebewussten, die weder einen Islamisten noch einen Militär als Präsident haben wollen, haben die meisten Ägypter wahrscheinlich gar nicht so viel gegen Sisi einzuwenden. Er ist besser als Unsicherheit und Unordnung, die mit der Revolution von 2011 kamen. Aber den Weg ins Wahllokal muss man deswegen nicht unbedingt auf sich nehmen: Ist man gegen ihn, wird er gewinnen, ist man für ihn, wird er auch gewinnen, und ist man neutral, ebenso.

Insofern ist wieder alles beim Alten in Ägypten - auch in dem Sinn, dass viele die veröffentlichten Zahlen über die angebliche Wahlbeteiligung anzweifeln werden. Bereits am Mittwochabend differierten die offiziellen Angaben mit den Schätzungen ausländischer Diplomaten. Es muss gar nicht sein, dass die Beschönigungen von oben angeordnet sind. Die mangelnde Begeisterung ist der Wahlkommission eben etwas peinlich - was ja zur spontanen Wahlerstreckung um einen Tag führte, von der sich die Sisi-Kampagne sogar distanzierte.

Dem Feldmarschall mag in diesen Tagen zum ersten Mal ganz klar werden, was er sich da eingebrockt hat. Er hat in seinen Interviews vor der Wahl Geduld von den Ägyptern verlangt: Nun weiß er, dass er diese nicht zu erwarten hat. Er hat einen gewissen Prozentsatz an Gefolgsleuten, die in Nibelungentreue zu ihm stehen werden. Die anderen aber werden ihn, wenn die Situation nicht besser wird, genau so wie den Chaosbruder Mohammed Morsi be- und verurteilen, dessen Sturz sie im Juni 2013 verlangten. Und in dieser Hinsicht hat sich doch wieder viel verändert in Ägypten seit 2011: Es ist nur mehr ein auf Zeit geborgter Sessel, auf dem Sisi da sitzt. Wenn er nicht liefern kann, wird er ihn wieder verlieren.

Wünschen sollte man sich das aber nicht unbedingt. Es ist unmöglich, mit dem jetzigen Zustand Ägyptens zufrieden zu sein, in dem so viele der Aktivisten, die 2011 für den Sturz Hosni Mubaraks gesorgt haben, wieder mundtot gemacht worden sind. Aber noch einen Präsidentenfehlschlag kann sich das Land schlicht nicht leisten. Und ein völlig destabilisiertes Ägypten: Das will man sich jenseits des Mittelmeers gar nicht vorstellen.

Auch wenn Sisi mit seiner Eitelkeit manchmal hart an der Einfalt vorbeischrammt: Der Mann kann nicht dumm sein. Vielleicht zieht er jetzt die richtigen Konsequenzen, vielleicht macht er sich jetzt, wo sich herausstellt, dass er keine überragende Mehrheit hat, die Mühe zu überlegen, wie man die ägyptische Gesellschaft wieder zusammenbringen kann. Denn er braucht für sein Projekt, die Rettung Ägyptens, mehr als jene, die ihn gewählt haben. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 30.5.2014)

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