"Das private Auto muss teuer werden in der Stadt"

Interview30. Mai 2014, 05:30
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Der deutsche Mobilitätsforscher Weert Canzler will Carsharing stärker in Mobilitätsangebote integrieren

STANDARD: Sie haben in Wien über Ideen zur "multimodalen Mobilität" gesprochen. Heißt das in erster Linie: weg vom Auto?

Canzler: Das heißt vor allem: weg vom privaten Auto. Die Idee ist die Verknüpfung von verschiedenen Verkehrsmitteln, je nach Situation. In Summe sollen die Angebote ähnlich komfortabel und problemlos zu nutzen sein wie das private Auto. Dazu müssen sie möglichst integriert sein, sodass man immer hier oder da einchecken muss oder verschiedene Karten braucht.

STANDARD: Gibt es dafür Best-Practice-Beispiele?

Canzler: Es gibt schon die Verknüpfungen, beispielsweise die Bahncard 100 von der Deutschen Bahn. Damit kann man so viel Bahn fahren, wie man will, man hat den Nahverkehr in allen Ballungsräumen dabei, und man hat vergünstigte Tarife, wenn man ein Auto oder ein Fahrrad braucht. Und das mit einer Karte, einer Webadresse, einer Rechnung. Das Auto sollte bei derartigen Angeboten eine größere Rolle spielen, durchaus mit der Möglichkeit, unterschiedliche Fahrzeuge zu buchen: für kleinere Touren ein Elektroauto, für den Ikea-Einkauf einen Kombi und so weiter. Der Gag ist, dass das eigentlich alles über das Smartphone funktionieren kann, technisch ist mehr drin als je zuvor. Internetflatrates sind extrem verbreitet. Die Leistung, die über das Handy läuft, kostet also nix.

STANDARD: Das eigene Auto stellt für viele Menschen einen gewissen Fetisch dar. Verändert sich das?

Canzler: Wir beobachten bei den jüngeren Leuten in den Städten schon, dass das Auto nicht mehr so wichtig ist. Schon als Nutzfahrzeug, aber es ist nicht mehr so wichtig, eines zu besitzen. Momentan können wir mit dem Auto weitgehend machen, was wir wollen. Wenn man das ändert, ist das natürlich ein Verlust an Freiheit - und das wird erst einmal bekämpft. Deswegen bin ich ein Fan von Testphasen.

STANDARD: Wie lässt sich multimodale Mobilität auf den ländlichen Raum umlegen?

Canzler: Das ist eine Autowelt, und das wird auch so bleiben. Aber mithilfe des Smartphones kann ich mir da zum Beispiel erheblich mehr organisierte Mitfahrmöglichkeiten vorstellen. Teilweise passiert das ja schon auf informelle Initiative hin, aber das könnten auch Gemeinden über soziale Medien anbieten. Denkbar ist auch, dass man gewerbliche Transporte für private Mitfahrer öffnet. Bus und Bahn gibt es auf dem Land eben oft nicht mehr. Da sehe ich das Ausnutzen der vorhandenen Fahrzeuge als Ausgleich.

STANDARD: Wien wird in den nächsten Jahren ein massives Bevölkerungswachstum erleben. Glauben Sie, dass der Verkehr in zehn, 15 Jahren noch bewältigbar sein wird?

Canzler: Nein, deswegen ja das Plädoyer für multimodale Angebote. Das private Auto muss teuer werden in der Stadt, das geht nur über Parkraumbewirtschaftung, konsequenterweise. Und es muss natürlich gute, alternative Angebote geben für jeden, der in der Stadt lebt und arbeitet, um ohne eigenes Auto zurechtzukommen. Dass es das Bedürfnis nach dem eigenen Auto weiter geben wird, ist schon klar, aber das wird dann eher in die Richtung gehen, wie es in asiatischen Städten ist - dass die Leute, die ein eigenes Auto haben, es kaum benutzen. Die haben das dann fürs Wochenende, für Ausflüge, aber nicht für den täglichen Weg.

STANDARD: In Wien wurde immer wieder über eine Citymaut diskutiert, allerdings ohne konkretes Ergebnis. Würde das Sinn machen?

Canzler: Es gibt ja mehrere Beispiele in Europa, wo das gut funktioniert, zum Beispiel in London - dort hat man allerdings aus Angst vor dem Bombenterror der IRA den Parkraum enorm verknappt, der Anlass war dort kein verkehrspolitischer. Dann gibt es in Stockholm und Oslo eine Citymaut, und alle anderen Städte diskutieren darüber. Das wäre schon interessant, wenn das Geld, das eingenommen wird, in den öffentlichen Verkehr fließt. In Stockholm hat man erst eine Testphase gemacht und danach die Volksabstimmung - und die ist dafür ausgegangen, weil die Leute gesehen haben, dass es super Alternativen gibt. Das Grundproblem bei verkehrspolitischen Diskussionen ist: Zunächst wird immer eine Verschlechterung unterstellt. Die Chancen sieht man immer erst, wenn das gelebt wird. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 30.5.2014)

Weert Canzler (54) ist Sozialwissenschafter und Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Er hat an einer Reihe von Publikationen über (Elektro-)Mobilität, Energie- und Verkehrswende mitgearbeitet. Canzler war vergangene Woche auf Einladung des Verkehrsclubs Österreich in Wien, um über Mobilitätstrends in Städten zu sprechen.

  • Der allmorgendliche Stadtstau lässt sich nur vermeiden, wenn das private Auto empfindlich teurer wird, meint Canzler.
    foto: apa-foto: robert jaeger

    Der allmorgendliche Stadtstau lässt sich nur vermeiden, wenn das private Auto empfindlich teurer wird, meint Canzler.

  • Weert Canzler forscht in Berlin zum Thema Mobilität.
    foto: erik-jan ouwerkerk

    Weert Canzler forscht in Berlin zum Thema Mobilität.

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