Bug Mac als Alternative zum Big Mac

30. Mai 2014, 05:26
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Grillen und Mehlwürmer statt Steak und Schnitzel: Eine Ernährung mit Insekten könnte nicht nur gesünder, sondern auch umweltfreundlicher sein. In den Niederlanden gibt es erste Vorstöße in diese Richtung

Zehntausende müssen es sein, vielleicht sogar Hunderttausende. Sie kreuchen und fleuchen, fressen, kauen, zirpen, surren und kopulieren: "Das hier sind die Käfige mit den Grillen", erklärt Professor Arnold van Huis, als er durch sein Labor schreitet. "Die Heuschrecken stehen weiter hinten!"

Wie dicke gelblich-grüne Klumpen kleben sie an- und aufeinander. Neben ihnen stehen ein paar Boxen mit Mehlwürmern. "Aber die sind nicht ganz so lecker", weiß van Huis. Die Grillen und Heuschrecken sind ihm lieber: knusprig frittiert, mit Pfeffer und frischen Gartenkräutern - "einfach heerlijk!"

Der 61-jährige Niederländer gehört zu den führenden Insektenforschern der Welt. Er untersucht an der Universität Wageningen, wie Heuschrecken, Grillen oder Mehlwürmer am besten auf dem menschlichen Speiseplan landen können, und hat ein Insektenkochbuch herausgebracht, das in den USA soeben mit einem Preis ausgezeichnet wurde.

Gute Futterverwerter

"Zwei Milliarden Menschen essen schon lange Insekten, in Lateinamerika oder Afrika. Nur die Menschen in der westlichen Welt nicht", seufzt van Huis. Dabei hätte das nur Vorteile und könnte sämtliche Hunger- und auch viele Umweltprobleme schlagartig aus der Welt schaffen: "Bei Grillen braucht man nur 2,1 Kilogramm Futter für ein Kilogramm Grillenfleisch. Für ein Beefsteak hingegen braucht es 25 Kilogramm Futter für ein Kilogramm Fleisch."

Und damit nicht genug: Insekten stoßen auch 100-mal weniger Treibhausgase aus als Kühe, benötigen zehnmal weniger Land. "Und das Endprodukt ist oft viel besser als Fleisch und enthält weitaus mehr Eiweiße und Mineralien."

Bei seinen Vorträgen führt der Professor manchmal Esstests mit verbundenen Augen durch - und "dann finden neun von zehn Versuchspersonen die Insektenfrikadelle (Laberl, Anm.) leckerer als die aus gewöhnlichem Hackfleisch!".

In den Niederlanden bieten die ersten Supermärkte bereits Insektenfleisch an: Würmer und Heuschrecken in verschließbaren Plastikbechern. Einladend übereinandergestapelt stehen sie auf hohen Demotischen, gleich gegenüber der Geflügeltheke. Wirklich ekelig sehen sie nicht aus, denn sie sind gefriergetrocknet und dadurch nicht klebrig und weich.

"Für Wokgerichte einfach ideal", schwärmt Marian Peters. Die 49-jährige Geschäftsfrau arbeitet eng mit Professor van Huis zusammen und entwickelt Prototypen von Insektenspeisen. Huhn-Mehlwurmbällchen zum Beispiel. Insektennuggets mit Pestogeschmack. Oder Falafel aus Getreideschimmelkäferlarven.

Johannes der Täufer

"Schon in der Bibel wurden Insekten gegessen!", betont sie. "Johannes der Täufer hat in der Wüste nur deshalb überlebt, weil er Heuschrecken essen konnte. Genau die gleiche Sorte haben wir hier auch im Sortiment!" Bisher jedoch ist die Kundschaft zaghaft - und das liegt nicht nur am Preis: Ein Becher mit 50 Gramm gefriergetrockneten Mehlwürmern kostet rund vier Euro, ein Becher mit 30 Heuschrecken neun.

Insekten auf dem Speiseplan - dafür ist eine Mentalitätsveränderung nötig. Darüber ist sich auch Professor van Huis bewusst. "Aber", so prophezeit er, "es wird schneller gehen, als wir denken." Denn irgendwann wird Rindfleisch unbezahlbar sein: "Und wenn ein Big Mac 100 Dollar kostet und ein Bug Mac nur vier, wird die Menschheit ganz leicht switchen!" (Kerstin Schweighöfer aus Amsterdam, DER STANDARD, 30.5.2014)

  • Im Fernen Osten gang und gäbe, im westlichen Kulturkreis Nahrung mit Ekelfaktor: Insekten könnten Ernährungs- und Umweltprobleme schlagartig lösen, sagt ein Wissenschafter.
    foto: reuters/chor sokunthea/files

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