Sarajevo gedenkt des Attentats auf Thronfolger Franz Ferdinand

29. Mai 2014, 17:59
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Kongresse, Konzerte und ein Radrennen, das den von Serben bewohnten Teil der Stadt mit dem anderen Teil verbinden wird. Am Tag des Attentats von Sarajevo hatte auch die zwölfte Tour de France begonnen

Am Mittwoch wurde in Sarajevo von der Stiftung "Sarajevo, Herz Europas" das Programm zum 100. Jahrestags des Attentats vom 28. Juni 1914 vorgestellt, das von der EU finanziert wird. Zu dem Anlass war auch der französische Generaldirektor der "Mission de centenaire" zum Ersten Weltkrieg, Joseph Zimet, in Sarajevo. "Ich hoffe, dass Sarajevo im nächsten Monat das Herz Europas sein wird", sagte Zimet bei der Pressekonferenz.

930.000 Euro werden für die Veranstaltungen, die von Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Österreich organisiert werden, ausgegeben. Im Zentrum steht das Konzert der Wiener Philharmoniker in dem eben erst eröffneten alten Rathaus, der Vijećnica, die im Krieg 1992 von der bosnisch-serbischen Armee schwer zerstört wurde. Weil dort aber nur sehr wenige Festgäste Platz haben werden, wird das Programm (unter anderem wird das "Kaiser-Quartett" gespielt, was in Sarajevo von vielen als unsensibel, vor allem gegenüber den bosnischen Serben und Serbien, erachtet wird) auf Bildschirmen in der Stadt übertragen.

Noch ist nicht klar, wer anlässlich des Attentats kommen wird. Aus Österreich wird jedenfalls Präsident Heinz Fischer anreisen, die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande haben aber abgesagt. Zwei Tage zuvor findet der EU-Gipfel in Brüssel statt.

Mit Spannung wird erwartet, wer und ob jemand aus Serbien kommen wird. Ein Besuch des serbischen Präsidenten Tomislav Nikolić wäre von großer historischer Bedeutung. Nikolić zeigte sich zuletzt gegenüber dem österreichischen Staatschef nicht abgeneigt, zum Gedenktag nach Sarajevo zu kommen. Ursprünglich gab es auch die Idee, dass Sarajevo 1914 europäische Kulturhauptstadt sein sollte, doch Nicht-EU-Mitglieder haben keinen Zugang zu den dafür vorgesehenen finanziellen Mitteln. Also versucht man es mit einem Alternativprogramm.

Insgesamt wurden von der Stiftung "Sarajevo, Herz Europas", die von Frankreich und der Stadt Sarajevo ins Leben gerufen wurde und zu der die sechs anderen EU-Staaten erst später dazukamen, acht von 42 Bewerbungen ausgesucht. Frankreich unterstützt den Film "Die Brücken von Sarajevo", der vergangene Woche beim Filmfestival in Cannes vorgestellt wurde. Das zentrale Projekt der Franzosen ist aber der "Grand Prix von Sarajevo", ein Radrennen, das den (seit dem Krieg) mehrheitlich von Serben bewohnten Teil von Sarajevo (Istočno Sarajevo) mit dem anderen Teil, der mehrheitlich von Bosniaken und Kroaten und allen anderen Bosniern bewohnt wird, die sich nicht ethnisch definieren wollen oder dies auch gar nicht können, verbinden wird. Der französische Botschafter Roland Gilles erinnerte bei der Pressekonferenz am Mittwoch in Sarajevo daran, dass genau am 28. Juni 1914 die zwölfte Tour de France begonnen hatte und dass 48 Radrennfahrer im Ersten Weltkrieg ums Leben kamen.

Österreich unterstützt die Konferenz "Die langen Schüsse von Sarajevo", zu der Geistes- und Kulturwissenschaftler aus 17 Ländern nach Sarajevo anreisen werden. Bei der Konferenz geht es um "Narrative, Ereignisse und Erinnerungen" im Zusammenhang mit dem Attentat, die dekonstruiert werden sollen. So wird der Germanist Vahidin Preljević über "das Attentat im kulturellen Imaginären Europas" sprechen, der Österreicher Clemens Ruthner über die Auswirkungen des Attentats in der Populärkultur und "urbanen Mythologie". Der deutsch-französische Historiker Nicolas Moll, der in Sarajevo lebt, befasst sich mit dem Thema "Die Mutter aller Attentate? Sarajevo 1914, Marseille 1934, Dallas 1963, Twin Towers 2001". Die Konferenz wird von 24. bis 28. Juni stattfinden.

In der Ausstellung "Share: Too much history, more future" werden Videoarbeiten von bosnischen und österreichischen Künstlern zu sehen sein, die Ausstellung wird nicht nur in Sarajevo gezeigt, sondern auch "weiterwandern". In Trebinje soll im Rahmen des Projekts ein Video-Wettbewerb stattfinden, bei dem bosnische Künstler ihre Arbeiten einreichen können. Der Gewinner kann als "artist in residence" für drei Monate nach Wien.

Großbritannien wiederum unterstützt eine Ausstellung im Historischen Museum von Sarajevo, das mit dem britischen Imperial War Museums zusammenarbeitet. Am 29. Juni word eine Bolero-Perfomance mit dem bosnischen Kriegstheater Sartr und dem Nottingham Playhouse zur Aufführung gebracht werden. Ein Schulprojekt, an dem auch spanische und polnische Schulen teilnehmen werden, wird angesichts der Überschwemmungskatastrophe in Bosnien-Herzegowina vor allem das Thema "Solidarität" behandeln.

Auch das deutsche Projekt setzt ganz auf Jugendliche. "Mlada Europa", also „Junges Europa“ ist einerseits ein Austauschprogramm, bei dem junge Deutsche und junge Bosnier sich im jeweils anderen Land besuchen. Bei einer Jugendkonferenz sollen zudem von 26. Juni bis 3. Juli in Sarajevo die Lehren aus dem letzten Jahrhundert diskutiert werden. Andere Projekte werden von Italien, Belgien und Spanien unterstützt. 1,07 Millionen Euro werden von der EU der bosnischen Zivilgesellschaft für eigene Projekte zum Gedenktag zur Verfügung gestellt. Fünf Bewerber haben die Ausschreibung, die von der EU-Kommission ausging, gewonnen, darunter auch die Universitätsbibliothek der Republika Srpska, also des zweiten und kleineren Landesteils von Bosnien-Herzegowina.

Nicht aus EU-Mitteln unterstützt wird die große Historikerkonferenz in Sarajevo. Der Sache geht ein Streit voraus. Denn Frankreich wollte ursprünglich auch eine Historikerkonferenz, mit Hilfe der Sorbonne organisieren. Die beiden Historikerkonferenzen wurden als Konkurrenz wahrgenommen. Frankreich wollte zudem möglichst viele serbische Historiker nach Sarajevo holen. Doch dies gelang nicht, weil es auch in Banja Luka politisch nicht gewollt ist, ein gemeinsames Gedenken zum zweiten Weltkrieg mit anderen Historikern in Sarajevo durchzuführen. Die Vertreter der Republika Srpska, allen voran, Präsident Milorad Dodik werden an dem Jahrestag auch eine eigene Gedenkveranstaltung in "Andrićgrad", der neu erbauten Museumsstadt in Višegrad, durchführen. Die "französische" Historikerkonferenz wurde also abgesagt.

Zu der hochkarätigen internationalen Historikerkonferenz, die ein sehr breites Spektrum an Themen abdeckt und die von 18. bis 21. Juni stattfinden wird, kommen allerdings ohnehin auch einige Historiker aus Belgrad. Sie heißt "Der Große Krieg: Regionale Zugänge und globale Kontexte". Das Programm ist dicht, vielfältig und vielversprechend. Organisiert wurde die Konferenz vom Institut für Geschichte der Universität Sarajevo, dem Institut für Ost- und Südosteuropa-Studien der Uni Regensburg, dem Forschungszentrum für Humanwissenschaften in Budapest, dem Institut für Balkanstudien in Sofia, dem Institut für Nationalgeschichte in Sofia, dem Institut für Zeitgeschichte in Ljubljana, dem Geschichteinstitut in Zagreb und dem Zentrum für Südosteuropa-Studien an der Universität Graz. Den Eingangsvortrag hält Mark Mazower von der Columbia Universität in New York.

Die Konferenz befasst sich auch stark mit Österreich-Ungarn, etwa mit "Franz Ferdinand und der Idee eines Groß-Österreich" (Andrej Rahten), aber auch mit den Auswirkungen der Spanischen Grippe, die 1918 ausbrach (Eckard Michels), den russischen Sozialdemokraten und Österreich (Sergej Romanenko) oder dem Kosovo (Marijana Stamova). Der Finne Risto Pekka Pennanen wird über Entertainment und Propaganda in Sarajevo während des Kriegs referieren, auch in anderen Beiträgen geht es um lokale Perzeptionen des Kriegs. Simone Egger hat für die Konferenz Liebesbriefe zwischen Smyrna und München analysiert. Konrad Clewing wird über den "Rechtsstaat unter Selbst-Attacke und die österreichisch-ungarische Ethnopolitik in Bosnien-Herzegowina" sprechen. Behandelt werden auch die "slawische Frage" in der Monarchie und die ökonomischen und sozialen Konsequenzen des Krieges.

Der serbische Historiker Danilo Šarenac, der aus Belgrad anreist und über Minderheiten in der serbischen Armee während des Weltkriegs sprechen wird, bedauert, dass es in Serbien selbst noch immer kein offizielles staatliches Programm zum Gedenkjahr gibt. Er selbst hat mit Kollegen eine Ausstellung über die Beziehungen zwischen Österreich und Serbien zwischen 1836 und 1914 konzipiert, die am 10. Juli in Belgrad eröffnet wird. Weiters wird im August in Belgrad ein Lexikon zum "Großen Krieg" herausgegeben. Šarenac selbst hat ein Buch über den Ersten Weltkrieg in Serbien verfasst. Er denkt, dass eines der wichtigsten Werke zum Gedenkjahr der Film "Held 1914" (Heroj 1914), der in Serbien gemacht wird, sein wird. (Adelheid Wölfl, derStandard.at, 29.5.2014)

  • Artikelbild
    foto: ap photo/amel emric
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