EU will Hochwasserhilfe in Bosnien-Herzegowina koordinieren

28. Mai 2014, 17:43
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Kritik an Frühwarnsystem und Bewältigung der Katastrophe - Ethik-Code veröffentlicht

Nach all dem Chaos soll nun einmal evaluiert werden. Die EU, die Uno und die Weltbank wollen eine gemeinsame Bewertung der Überschwemmungen und der Folgen der Naturkatastrophe in Bosnien-Herzegowina erarbeiten, um effizienter vorgehen zu können. Der Klimaexperte und Nobelpreiseträger Richard Marti Zapata wurde beauftragt bei dieser Bedarfsanalyse mitzuarbeiten. Sie soll bis 18. Juni fertig sein. Es geht vor allem darum, die Koordination bei den Hilfseinsätzen zu verbessern.

Durch die Überflutungen wurde ersichtlich, dass Bosnien-Herzegowina über keine gesamtstaatlichen funktionierenden Strukturen zum Katastrophenmanagement verfügt. So konnte etwa nicht der Ausnahmezustand auf gesamtstaatlicher Ebene ausgerufen werden, weil die dreiköpfige Präsidentschaft dies nicht ermöglichte. Wenn dies geschehen wäre, hätte aber die Uno mit vollständigen Mitteln die Koordination übernehmen können. So läuft vieles chaotisch ab, die Informationen laufen nur spärlich zusammen und es fehlt an klaren Entscheidungen und Einsatzplänen.

Kritik an Sicherheitsministerium

Offiziell heißt es, dass die EU mit ihrer Koordinationsinitiative auf eine Aufforderung der Regierung reagiert hat. Insider sagen, dass man bei dem Chaos nicht länger zuschauen konnte. Die EU-Delegation vor Ort hat ein Team zusammengestellt, dass die Koordination der Bedarfsanalyse übernimmt. Die lokalen Behörden und die internationale Gemeinschaft sollen dann im Rahmen eines Wiederherstellungsplans agieren. Zapata besuchte bereits die schwer betroffenen Städte Maglaj und Doboj.

Kritik gab es in den letzten Tagen auch am gesamtstaatlichen Sicherheitsministerium. Dort gab es weder ein funktionierendes Frühwarnsystem, noch die notwendigen Grundlagen zur Bewältigung der Katastrophe (Informationen über Wasserstand, passierbare Straßen, Einsatzplan von Hilfskräften). Zudem gibt es Schwierigkeiten bei der Kooperation der beiden Landesteile, der Republika Srpska und der Föderation.

Das ist aber nichts Neues, sondern hat durchaus politische Gründe. Denn eine enge Zusammenarbeit war von manchen nationalistischen Politikern in der Vergangenheit nicht gewollt. Deshalb besteht der Kriseneinsatz vor allem aus einem relativ unkoordinierten Vorgehen privater Hilfskräfte und NGOs. Manche Bürger erreichte die nötige Hilfe gar nicht, andererseits fördert dieses "Chaos" auch Gerüchte, dass sich manche bereichern oder die Hilfe nach bestimmten subjektiven Kriterien vergeben wird.

Code gegen Missbrauch und Korruption

Das Sicherheitsministerium hat nun reagiert und einen "Ethik-Code" festgelegt, damit Missbrauch und Korruption bei der Vergabe der Hilfslieferungen angezeigt und verhindert werden können. Noch immer kommt es in einigen Gemeinden zu Erdrutschen, das Wasser ist in manchen Gebieten noch nicht trinkbar und in der Posavina stehen noch immer einige Dörfer unter Wasser. Die Hilfsbereitschaft innerhalb von Bosnien-Herzegowina und von außen ist aber groß. Auch aus Österreich treffen dauernd Hilfslieferungen ein.

Und Österreich schickt weitere Soldaten für den humanitären Einsatz. 118 Soldaten wurden am Dienstag nach Bosnien-Herzegowina geflogen, um bis 20. Juni Hilfe leisten zu können.

Zusätzlich ist seit vergangenen Mittwoch ein Hilfskontingent der ABC-Abwehrschule und der ABC-Abwehrtruppe im Krisengebiet, um die Lage zu erkunden. Insgesamt produzieren 80 österreichische ABC-Soldaten bis zu 240.000 Liter Trinkwasser pro Tag. Damit können rund 50.000 Menschen versorgt werden. Aufgrund der akuten Bedrohung durch ausgeschwemmte Landminen, wird das Kontingent auch durch einen Minensuchtrupp für den Eigenschutz begleitet, heißt es in Wien im Verteidigungsministerium

Seuchengefahr durch tote Tiere

Die bosnische Präsidentschaft hat zwar der eigenen Armee die Befugnis wieder entzogen beim Katastropheneinsatz zu helfen, dennoch wurde ein Weg gefunden, dass die Soldaten weiter beim Aufräumen eingesetzt werden können.

Je länger sich tote Tiere in den überfluteten Gebieten befinden, desto mehr steigt aber die Seuchengefahr. Einige Ortschaften im Nordosten von Bosnien-Herzegowina sind deshalb komplett vom Zivilschutz gesperrt. Zudem gibt es zu wenige Flugzeuge, die Mittel gegen die Mücken sprühen könnten, die eine zusätzliche Seuchengefahr darstellen.

Angst vor den Minen

Die größte Angst verbreiten nach wie vor die Minen aus dem Krieg, die verschwemmt wurden. Erst kürzlich explodierte eine Mine im Bezirk Brčko. Nicht nur Personen-Minen, sondern auch Tritt- und Panzerminen könnten durch die Wassermassen verschoben worden sein. Minensuchteams sind unterwegs. Auch jene Gebiete, die bereits als minenfrei erklärt worden sind, sind jetzt nicht mehr als sicher. Viele Schilder, die noch nicht entminte Gebiete anzeigten, sind andererseits weggespült worden.

Als besonders gefährdet gilt der Bezirk Brčko, das Gebiet um Bijeljina, Doboj, Šamac, Orašje und Zavidovići. Armee-Helfer dürfen eigentlich nur in jenen Gebieten eingesetzt werden, die minenfrei sind. Doch in Wahrheit weiß niemand wirklich, wo die Minen hingelangt sein können. Einige könnten sogar über die Sava bis nach Serbien verschwemmt worden sein. (Adelheid Wölfl, derStandard.at, 28.5.2014)

  • In Bosnien-Herzegowina gehen die Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser und Murenabgängen weiter.
    foto: apa/epa/fehim demir

    In Bosnien-Herzegowina gehen die Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser und Murenabgängen weiter.

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