Why change a running system?

Blog29. Mai 2014, 17:00
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Antje Schrupp über Körpermodifikation und die Freiheit, die aus einer inneren Haltung rührt

Als ich damals über Twitter mitbekommen habe, dass Stephan Urbach sich einen Magneten in die Fingerkuppe hat einbauen lassen, dachte ich erst, das wäre ein Witz. Wieso würde jemand so etwas freiwillig machen?

Der einzige Versuch von Körpermodifikation in meinem Leben war ein gestochenes Ohrloch, das sich hinterher permanent entzündete. Dann kam ich zu der Überzeugung: Mein Körper ist völlig okay so, wie er ist, no need to improve. "No need" im doppelten Sinn des Wortes – keine äußere Notwendigkeit, weil ich keine gesellschaftlichen Normen darüber, wie ein (weiblicher) Körper auszusehen hat, akzeptiere, und keine innere Notwendigkeit, kein Bedürfnis meinerseits, weil – ja, so banal: Ich Angst vor Arztbesuchen und medizinischen Eingriffen aller Art habe.

Fähigkeit zum Funktionieren

Ich habe ein etwas ehrfürchtiges Verhältnis zu meinem Körper, oder, wie man früher sagte, meinem "Leib", den ich nämlich nicht "habe", sondern der ich "bin". Wenn ich ihn mit jeder x-beliebigen Maschine vergleiche, die ich kenne, hat mein Leib (habe ich) eine außergewöhnliche Fähigkeit zum fortwährenden Funktionieren, relativ geringen Wartungsbedarf, wenn man seine Komplexität betrachtet, und eine erstaunlich weitreichende Fähigkeit zur Selbstreparatur. Und meine gesamte Existenz ist von ihm abhängig, geht mein Leib kaputt, bin ich selbst kaputt, schlimmstenfalls sogar tot. Also ehrlich, da gehe ich lieber auf Nummer sicher. Never change a running system.

Und deshalb las ich dem Heft "Ich, Cyborg?" (das es, soweit ich weiß, nur auf Papier gibt, obwohl es eigentlich nicht länger ist als ein ausführlicher Blogpost) mit einer gewissen Faszination. Denn hätte ich einen Magneten im Finger, würde ich nicht jedes Mal freudig registrieren, wenn da im Finger was kribbelt, ich würde mich dauernd sorgen: Hoffentlich entzündet sich das nicht!

Den Tod besiegen

Stephan hat solche Ängste offenbar nicht, ihm gefällt es, seinen Körper zu modifizieren, später auch den Geist (das Gehirn hacken und programmieren) und schließlich auch vielleicht den Tod zu besiegen, und er möchte daraus eine politische Bewegung machen, damit ihm das erleichtert oder besser ermöglicht wird. Ich finde das nicht irgendwie moralisch bedenklich. Zwar gibt es dabei Probleme: Dass durch die Möglichkeit der Modifikation ein sozialer Druck der Selbstoptimierung entsteht, dass der Grad der Selbstoptimierung davon abhängt, wie reich man ist und so weiter. Ich glaube auch nicht, dass die so ohne weiteres gelöst werden können, wie Stephan sich das vorstellt, aber das soll jetzt nicht Thema sein.

Wunsch nach Veränderung

Was mich beschäftigt ist eher die philosophische Frage: Woher kommt der Wunsch, den eigenen Körper und seine Fähigkeiten, also letztlich "den Menschen", zu erweitern und zu verändern? Und warum habe ich diesen Wunsch so überhaupt nicht? An einer Stelle schreibt Stephan:

"In einer Zeit, in der wir wenig über das eigene Schicksal entscheiden oder die äußeren Einflüsse beeinflussen können, die unser Leben bestimmen – in dieser Zeit müssen wir wenigstens unsere Körper für uns erschließen, sie formen und so gebrauchen, wie wir es für richtig halten."

Ich denke, hier liegt eine zentrale Differenz zwischen uns, denn ich halte die Idee, Menschen könnten sich von äußeren Einflüssen befreien und "autonom" werden, für eine Illusion. Ich finde es nicht prinzipiell schlimm, dass ich mein eigenes Schicksal nicht entscheiden kann, denn der Mensch ist doch immer abhängig, von der Materie, von anderen Menschen. Es kann immer nur darum gehen, diese unvermeidbare Tatsache der Abhängigkeit besser und freiheitlicher zu gestalten, nie darum, sie zu überwinden.

Freiheit aus innerer Haltung

Ich verstehe deshalb unter Freiheit auch nicht, dass ich nicht mehr von äußeren Einflüssen bestimmt und geprägt bin, sondern dass ich innerhalb dieser Verhältnisse meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen folge (und nicht den Vorgaben anderer, zum Beispiel, um Konflikte zu vermeiden). Freiheit entsteht für mich aus einer inneren Haltung, sie ist eine politische Praxis im Umgang mit der "Welt, so wie sie nun einmal ist" und ist nicht ein Ziel, das sich erst dann erreichen lässt, wenn die Welt ganz anders geworden ist. Oder anders gesagt: (ausgeübte) Freiheit ist die Voraussetzung dafür, dass die Welt sich zum Besseren verändert, nicht anders herum.

Diese Praxis der Freiheit lässt sich meiner Ansicht nach nicht maschinell verbessern oder vergrößern, weil sie in Beziehungen angelegt ist und nicht in individuellen Fähigkeiten. Ein Super-Body mit Röntgenblick und anderen erweiterten Fähigkeiten kann unfreier sein als ein Krebskranker im Endstadium. Und ich glaube, das ist der Grund, warum mich die Aussicht auf die Möglichkeiten kybernetischer Körpermodifikationen aller Art nicht fasziniert. Denn wenn man das Versprechen von "mehr Freiheit" aus dem Cyborgism abzieht, dann lohnt sich das Risiko (ich sag nur: Entzündungen!) doch irgendwie nicht mehr. Oder?

Mich würde wirklich interessieren, wie Ihr das seht: Möchtet Ihr euren Körper verändern oder maschinell ergänzen? Und was und wie? Oder nicht?

PS: Wenn jemand einen Apparat erfindet, der Gedanken in Textdateien überträgt oder eine Maschine, die Träume aufzeichnet, dann wäre ich in der Tat interessiert. Vielleicht (ganz vielleicht) würde ich dafür sogar ein bisschen an mir herumschnippeln lassen. (Antje Schrupp, dieStandard.at, 29.5.2014)

Antje Schrupp stellt dieStandard.at in regelmäßigen Abständen Beiträge ihres Blogs zur Veröffentlichung zur Verfügung.

  • Wenn man das Versprechen von "mehr Freiheit" aus dem Cyborgism abzieht, dann lohnt sich das Risiko doch irgendwie nicht mehr.
    foto: apa/andy rain

    Wenn man das Versprechen von "mehr Freiheit" aus dem Cyborgism abzieht, dann lohnt sich das Risiko doch irgendwie nicht mehr.

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