Gefangenendilemma: Ausbeuterisches Verhalten zahlt sich nicht aus

29. Mai 2014, 18:55
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Hinterhältige und erpresserische Strategien erzielen auf lange Sicht nur geringe Gewinne - und sorgen für Frust bei den Mitspielern

Plön - Den Wolf im Schafspelz gibt es auch in der Spietheorie: Im Gefangenendilemma sind das Spieler, die mit raffinierten Strategien ihr Gegenüber zur Kooperation drängen, nur um diese Kooperationsbereitschaft dann systematisch auszunützen. Aber wie erfolgreich sind solche ausbeuterischen Verhaltensweisen im realen Leben? Forscher des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön haben nun ein Experiment entwickelt, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Dabei zeigt sich, dass Erpresser nur kurzfristig Erfolg haben: Viele Menschen lassen sich nicht auf Dauer ausbeuten.

Das sogenannte Gefangenendilemma ist ein Bestandteil der Spieltheorie, mit dem menschliches Sozialverhalten untersucht werden soll. Dabei können zwei Mitspieler ohne Wissen des anderen sich entweder für Zusammenarbeit oder für egoistisches Verhalten entscheiden. Benehmen sich beide egoistisch, haben beide wenig davon. Wollen beide kooperieren, profitieren sie gemeinsam. Den größten Gewinn aber streicht der ein, der egoistisch handelt, wenn der andere kooperiert.

Erpressung im Praxistest

Treffen die Spieler nur einmal aufeinander, ist Egoismus am erfolgreichsten. Werden mehrere Runden durchgespielt, was realen Situationen eher entspricht, schneidet Kooperation besser ab. Von allen bislang getesteten Spielstrategien war lange Zeit die sogenannte "win stay – loose shift"-Strategie am erfolgreichsten. Bei dieser kooperativen Strategie wiederholen die Spieler erfolgreiches Verhalten aus der Runde zuvor und wechseln nur, wenn das Verhalten zuvor nicht erfolgreich war. Seit 20 Jahren gilt deshalb unter Spieltheoretikern die Maxime: Ein unfairer Spieler kann nicht gewinnen, Kooperation ist Egoismus überlegen. Im wirklichen Leben sieht dies jedoch oft anders aus.

Kürzlich entdeckten amerikanische Wissenschafter eine noch erfolgreichere, wenngleich moralisch fragwürdige Strategie: Dabei kooperiert ein Spieler zwar vorerst mit seinem Mitspieler, aber nur, um im richtigen Moment den eigenen Vorteil zu suchen. "Ein solcher Spieler kooperiert ganz bewusst gelegentlich und verleitet sein Gegenüber dadurch, häufiger zu kooperieren. Er zwingt ihn förmlich zur Zusammenarbeit, um dann gezielt zuzuschlagen und seinen eigenen Vorteil zu suchen", sagt der Forscher Christian Hilbe, der inzwischen in Harvard forscht.

Die Max-Planck-Forscher haben diese erpresserischen Strategien nun erstmals einem Praxistest unterzogen. In dem Experiment spielten Probanden das Gefangenendilemma über 60 Runden gegen einen unbekannten Mitspieler – nicht wissend, dass es sich dabei um ein Computerprogramm handelte, das verschiedenen Spielstrategien folgte.

Kurzfristiger Erfolg

Die im Fachblatt "Nature Communications" veröffentlichten Ergebnisse der Forscher zeigen, dass ein Spieler, der die Kooperationsbereitschaft des anderen ausnützt, zunächst tatsächlich viel erfolgreicher ist. "Ein solcher Spieler füttert den anderen regelrecht an und sahnt dann ab", so Hilbe. Das perfide daran: Der Mitspieler muss darauf eingehen und kooperieren, um selbst zumindest ein wenig zu profitieren. "Es ist regelrechte Erpressung: Man wird zu immer mehr Kooperation gezwungen, wenn man seinen Gewinn auch nur ein bisschen steigern will", erklärt Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie. "Viele Probanden in unseren Experimenten waren extrem frustriert nach dieser Erfahrung und entwickelten richtige Hassgefühle auf den ihnen unbekannten Mitspieler.“

Bestrafung auf eigene Kosten

Das Vorgehen des Erpressers ist darauf angelegt, gerade so viel zu kooperieren, dass der Mitspieler nicht mit völliger Verweigerung reagiert. Früher oder später bemerken aber die meisten die böse Absicht und hören auf zu kooperieren. Sie verzichten damit auf einen kleinen Zugewinn, wodurch dem Erpresser ein großer Gewinn entgeht. Er wird bestraft, was in der Realität wohl zum Einlenken führen dürfte - allerdings nicht bei der stupiden Computerstrategie.

Auf lange Sicht schaden sich Erpresser dadurch selbst: Über alle Runden des Experiments hinweg gerechnet erzielten erpresserische Strategien einen relativ geringen Gewinn. Stattdessen ist Großzügigkeit wesentlich erfolgreicher. Versuchte der virtuelle Spieler nicht, seinen menschlichen Mitspieler übers Ohr zu hauen, sondern kooperierte tatsächlich, führte das letztendlich auch für den Computer zu höheren Gewinnen. "Wir haben wohl schon die richtigen Strategien parat, ausbeuterisches Verhalten nach einiger Zeit zu erkennen und darauf zu reagieren", sagt Milinski. (red, derStandard.at, 29.5.2014)

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