Nicolaus Fest: "Gratiszeitungen sind journalistisch immer fragwürdig"

Interview28. Mai 2014, 12:37
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Der Vizechefredakteur der "Bild am Sonntag" über professionelle Abhärtung, volle Kirchen und polizeiliches Töten

STANDARD: Was verschlägt Sie zu einer Debatte über Qualität und Quote an die Wiener Fachhochschule für Journalismus?

Nicolaus Fest: Der österreichische Presserat war Mitveranstalter, und der hat wohl seine deutschen Kollegen nach ihrem Lieblingsfeind gefragt.

STANDARD: Woher kommt die - wechselseitige - Feindschaft?

Fest: Feindschaft ist zu viel. Aber ich finde es problematisch, wenn unser Presserat seine Entscheidungen immer wieder damit begründet, wir würden Persönlichkeitsrechte verletzen. Das können Gerichte entscheiden, nicht die juristischen Laien vom Presserat. Solche Laienurteile beschädigen den Ruf der Presse insgesamt.

STANDARD: Also besser kein Presserat?

Fest: Nein. Selbstkontrolle macht Sinn, etwa bei Schleichwerbung. Und bei ethischen Abwägungen jenseits juristischer Fragen. Auch hilft der Presserat, dass man nicht zu betriebsblind wird oder professionell zu sehr abhärtet, zum Beispiel gegenüber Kriegs- oder Verbrechensfotos.

STANDARD: Wie definiert der "Bild am Sonntag"-Vize Qualität?

Fest: Nicht nach Mediengenres: Sie können sauberen Boulevardjournalismus machen, sehr lebensnah, emotional, personalisiert - und in einem hochseriösen Medium Journalismus finden, der dem Anspruch nicht gerecht wird. Ohnehin sind auch aus rechtlichen Gründen die Standards bei deutschen Boulevardtiteln deutlich gestiegen - während sich die sogenannte Qualitätsmedien immer mehr boulevardisieren. Denn wer predigen will, muss erst die Kirche voll kriegen - mit Themen, die die Leute interessieren. Wie der Boulevard setzen auch andere oft auf emotionale oder weiche Themen, um erst mal zu verkaufen.

STANDARD: Buzzfeed und heftig.co präsentieren Inhalte, oft auch von traditionellen Medien, aufmerksamkeitsstark und haben öfter mehr Klicks als etwa bild.de. Wie reagieren Sie auf die Konkurrenz?

Fest: Qualitativ ist das keine Konkurrenz - aber eine um Zeit und Aufmerksamkeit der Leser. Wir hatten diese Situation schon einmal mit den rein werbefinanzierten Gratiszeitungen, die mit ihrer Abhängigkeit von Werbekunden journalistisch immer fragwürdig sind.

STANDARD: In Österreich hat die Familie hinter der "Krone" mit einer Gratiszeitung den Markt abgeschottet und kontrolliert so nun die zwei größten Zeitungen im Land.

Fest: Das kann sinnvoll sein, wenn man mit der neuen Zeitung neue Leserschaften fürs Zeitunglesen gewinnen will. In Deutschland haben die großen Verlage Gratiskonkurrenten vehement mit eigenen Gratistiteln abgewehrt und diese dann später wieder eingestellt.

STANDARD: In Österreich gibt es ja mit "Österreich" noch Konkurrenz - die in ihrer Drastik "Bild"-Schlagzeilen vielleicht noch am nächsten kommt. Was macht die aus?

Fest: Schlagzeilen des Boulevards müssen ein Gefühl rüberbringen - so wie "Wir sind Papst!". Sachlich gewiss nicht korrekt, aber gefühlt richtig. Die "Süddeutsche" hat "Bild" mal als Seismograf der deutschen Befindlichkeit beschrieben. Boulevard ist die Kunst des Weglassens, der Konzentration auf ein, zwei Gedanken. Wer mehr wissen will, kann sich woanders informieren. "Bild" will klarmachen, was Deutschland emotional bewegt - ohne Anspruch, alle Seiten darzustellen.

STANDARD: Knapp wie fürs Smartphone. Muss man das drucken?

Fest: Nein. Ob Papier oder digital, ist egal. Am liebsten wären mir bezahlte Digitalabos mit den Auflagen der Neunzigerjahre.

STANDARD: Ihre Kommentare sind etwas mehr als klar: "Ein Herz für faule Säcke" zur Anrechnung von Arbeitslosigkeit auf die Pension. Zu Ausschreitungen in Hamburg: "Niemand würde in Frankreich, Tschechien oder den USA einen Stein auf einen Polizisten werfen. Täte er das, wäre er tot."

Fest: Sollen sich Polizisten nicht wehren, wenn sie selbst durch Angriffe in Todesgefahr kommen? Ich bin ein großer Freund des ausschließlichen staatlichen Gewaltmonopols.

STANDARD: Zwischen Wehren und Töten gibt es doch Abstufungen.

Fest: Wir können über die Abstufungen reden. Aber Kommentare müssen polarisieren, subjektiv sein, auch mal wehtun. Nur das macht gute Kommentare aus. (Harald Fidler, derStandard.at, 28.5.2014)

foto: axel springer se
Nicolaus Fest (Jahrgang 1962) war Mitglied der Chefredaktion bei "Bild", ist seit 2013 stellvertretender Chefredakteur der "Bild am Sonntag" und dort politischer Kommentator. Fest ist Doktor der Rechtswissenschaften und laut bild.de ausgebildeter Rechtsanwalt.
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