Carl Philipp Emanuel Bach: Vortrefflich und unvergleichlich

28. Mai 2014, 17:32
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Eine Pilgerreise anlässlich des 300. Geburtstags des deutschen Komponisten

Zu Lebzeiten hieß er nur "der Bach" oder "der große Bach" - sein Vater war völlig vergessen - und wurde als "vortrefflich und unvergleichlich" bezeichnet: Carl Philipp Emanuel Bach. Nach seinem Tod drehten sich die Verhältnisse allerdings wieder um, und bis heute schadet ihm sein Familienname nachhaltig. Denn als "der Bach" gilt uns seither ausschließlich Johann Sebastian, und von Komponisten, die genauso heißen, wollen wir gefälligst auch dieselbe Art von Musik hören.

Carl Philipp Emanuel war zwar wie sein Halbbruder Johann Christian Sohn, aber in keinster Weise Epigone. Seine über 900 Werke "bacheln" überhaupt nicht wie etwa die Opern Siegfried Wagners "wagnern", sie sind auch nicht schwächer als die des Thomaskantors, sondern nur anders. Er war ein völlig eigenständiger Originalkomponist, der im Zuge seiner umfangreichen Experimente auch nicht viel weniger als die später "Wiener" genannte Klassik zumindest miterfunden hat.

Nicht umsonst überschütten ihn Mozart und Haydn mit Lob. Ersterer mit dem berühmten Zitat: "Er ist der Vater; wir sind die Bubn. Wer von uns was Rechts kann, hats von ihm gelernt.“ Letzterer ganz zu Protokoll: "Wer mich gründlich kennt, der muss finden, dass ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke, dass ich ihn verstanden und fleißig studiert habe.“

Haydn wollte seinem Vorbild auf der Rückreise von London in Hamburg auch persönlich seine Reverenz erweisen, kam aber leider um sieben Jahre zu spät. Und in der Tat würde man so manche Symphonie Carl Philipp Emanuels beim ersten Hören durchaus Haydn zuordnen. Sein Einfluss reicht darüber hinaus jedoch auch noch bis Beethoven: "Von Emanuel Bachs Klavierwerken habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künstler gewiss nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen."

Vergessen wie also einen Augenblick lang seinen verhängnisvollen Nachnamen und versuchen dem Meister in seinem eigenen Wesen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sein 300jähriges Geburtsjubiläum bietet eine hervorragende Gelegenheit dazu. Denn nicht nur haben einige Plattenfirmen etliche Aufnahmen wieder aufgelegt oder neu herausgebracht, sondern es hat sich in Deutschland auch ein "Städtebund 1714" gebildet, der Aktivitäten und Festivitäten zum heurigen Bachjahr(das im Gegensatz zum verstrichenen Verdi- und Wagnerjahr von großen Qualitätsmedien wie FAZ,NZZ oder ZEIT bisher nur Begeisterung erlebt hat) in den fünf Städten, in denen er gelebt und gewirkt hat, auf hervorragende Weise vernetzt und verbindet.

Begeben wir uns also auf eine "Pilgerreise" in Sachen Carl Philipp Emanuel.

Erste Station: Weimar

Am 8. März 1714 wurde Carl Philipp Emanuel als zweiter überlebender Sohn von Johann Sebastian und Maria Barbara Bach geboren. Außer dem Taufbecken in der Stadtkirche Sankt Peter und Paul erinnert in der Stadt eigentlich nichts mehr direkt an ihn.

Allerdings macht sich seit einiger Zeit eine Initiative für die Rekonstruktion des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bach-Familienhauses stark, auf dessen Fundamenten sich derzeit ein Parkplatz befindet, sodass seiner hier in einigen Jahren vielleicht schon würdiger gedacht werden kann. Ansonsten werden sicher im Rahmen des nächsten Bachfestes sicher Werke des berühmten Sohns dieser Stadt zu hören sein.

Zweite Station: Leipzig

In der Messestadt Leipzig kann man natürlich gleich viel mehr "Originalatmosphäre" der Bachs verspüren. Die Thomasschule, in der die Familie lebte und in der der kleine Carl Philipp Emanuel zum ersten Mal mit Musik in Berührung kam und seine Grundausbildung erhielt, steht zwar nicht mehr. Aber im hauptsächlich seinem Vater gewidmeten Bach Museum findet heuer eine Sonderstellung zu seinen Ehren statt. Und vor allem kann man auch während des Bachfest Leipzig (13.-22. Juni) erneut etlichen seiner Kompositionen lauschen, zusätzlich zu einigen auch in Weimar auf dem Programm stehenden Werken z.B. seinen Liedern "Vom Küssen", "Als an einem Frühlingsabende"," Freude, du Lust der Götter und Menschen" und dem "Nonnenlied" sowie Sonaten, Sinfonien, Konzerten und Oratorien. Und dazu noch an so "authentischen" Orten wie der Nikolai- und Thomaskirche, dem alten Rathaus und der alten Handelsbörse.

Dritte Station: Frankfurt an der Oder

foto: pressestelle frankfurt/oder

Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Wilhelm Friedemann, der letztlich unglücklich endete, war Carl Philipp Emanuel klug genug zu seinem allmächtigen Übervater - bei aller Verbundenheit und physiognomischen Ähnlichkeit - gelegentlich auch auf zumindest geografische Distanz zu gehen. Und so setzte er sein in Leipzig begonnenes Jura-Studium in Frankfurt an der Oder fort, wo er sich aber bald vor allem dem Musikleben widmete. Von der einst angesehenen Universitätsstadt, die nunmehr an der polnischen Grenze liegt, ist wegen der Kriegswirren und der DDR-"Stadtplanung" nahezu kein Stein auf dem anderen geblieben. In der nach Carl Philipp Emanuel benannten Konzerthalle jedoch findet man die derzeit noch weltweit einzige Dauerausstellung über ihn. Sie ist äußerst informativ und wartet außer mit Porträts, Zeitzeugenberichten (Charles Burney) und Gehaltsaufstellungen auch mit so interessanten Dokumenten wie Subskribentenlisten auf, aus denen hervorgeht, dass er auf dem Gipfel seines Ruhmes als Verleger seiner Werke sogar Abnehmer aus Kapstadt hatte.

Vierte Station: Potsdam

Von Frankfurt/Oder drang der Ruf unseres Helden als genialischer Cembalist bis zu den Ohren des preußischen Kronprinzen Friedrich, der ihn vom Fleck weg an seinen Hof  verpflichtete. Und in Potsdam blieb Carl Philipp Emanuel dann auch für die nächsten 27 Jahre. Allerdings in ziemlich untergeordneter Stellung, um seine Majestät beim nachmittäglichen Flötenspiel zu begleiten. Wie untergeordnet seine Stellung war, geht aus vielen Details hervor. Zum ersten ist nicht einmal einer seiner Wohnsitze überliefert, dann verdiente er nicht einmal ein Zehntel von Friedrichs Flötenguru Quantz und nur ein Zwanzigstel einer Hofprimadonna. Erst als er wiederholt damit drohte, aus Potsdam wegzugehen, geruhte der nunmehrige König, sein Gehalt ein wenig anzuheben. Zu schlechter Letzt ist er auf Adolf Mentzels berühmtem Gemälde nur in Rückenansicht zu sehen.

foto: leo seidel, spsg
Konzertzimmer im Schloss Sanssouci.

Immerhin dürfte ihm die fixe Anstellung bei den Hohenzollern zumindest reichlich Gelegenheit geboten haben, den Großteil seines 900 Nummern umfassenden Oeuvres zu verfassen. Und in Potsdam kann man auch zweifellos am meisten von Carl Philipp Emanuel und seiner Zeit erfühlen, erschmecken und erriechen: vor allem in jenem von Mentzel verewigten und original erhaltenen Musiksalon im wunderschönen Schloss Sanssouci. Und erhören kann man ihn live im Rahmen der Internationalen Musikfestpiele Potsdam (13.-29.Juni).

Fünfte und letzte Station: Hamburg

Irgendwann wurde es dem Meister am Hofe des Alten Fritz dann doch zu fad, und er bemühte sich in Hamburg um die Nachfolge seines Taufpaten und Lehrmeisters Georg Philipp Telemann als städtischer Musikdirektor. Was ihm nach einem ausführlichen Vorspiel aus gelang. Hier war er für alle fünf Kirchen verantwortlich, hier erfuhr er internationale Beachtung, hier schrieb er seine sehr einflussreiche theoretische Abhandlung "Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen", hier verfasste er seine Autobiografie, und hier ist er auch begraben. Und zwar in der unfassbar eindrucksvollen St. Michaelis-Kirche, die mit ihrer ausladend-schwungvollen Gestaltung des Innenraums weit eher einer Konzerthalle denn einem herkömmlichen Gotteshaus ähnelt.

foto: michael zapf
Hauptkirche St. Michaelis.

Der Anblick seines Grabs an seiner letzten Wirkungsstätte ist sehr berührend, den beglückendsten Abschluss einer Carl-Philipp-Emanuel-Pilgerreise bildet jedoch ein Besuch in dem eindrucksvollen Museum für Kunst und Gewerbe. Denn hier werden im Rahmen von Spezialführungen die historischen Objekte dieser großartigen Musikinstrumentensammlung zum Erklingen gebracht - mit Kompositionen vom Geburtstagskind Carl Philipp Emanuel Bach. Da rinnt einem beim Klang eines alten Clavichords, Cembalos oder Fortepianos doch ein wenig ein wohliger Schauder das Rückenmark hinunter.

Hörstation

Wem es aus zeitlichen und finanziellen Gründen nicht möglich ist, eine solche musikalische Pilgerreise auch körperlich anzutreten, dem bieten immerhin die zahlreichen im Jubiläumsjahr erschienenen oder aufgefrischten CD-Einspielungen genügend Gelegenheiten, dies zumindest im Geiste zu tun.

CPO hat zehn Titel im Katalog, darunter die "Hamburgischen Festmusiken", das Oratorium "Die Israeliten in der Wüste", Trio-Sonaten, Klavier-Trios, Cembalokonzerte etc. Bei Brilliant ist eine 30teilige Box erschienen, die darüber hinaus u.a. noch Aufnahmen der Berliner Sinfonien, der Preußischen und Württembergischen Sonaten, der Sonaten "für Kenner und Liebhaber" sowie der Oboen-, Flöten- und Cellokonzerte etc. enthält. Carus hat sein klangprächtiges Magnificat neu aufgenommen. (Robert Quitta, derStandard.at, 28.5.2014)

Literatur

Kapitel in Martin Gecks rororo- Monografie "Die Bach-Söhne", Hamburg 2010.

Christine Blanken, Wolfram Enßlin(Hg.): "Unterwegs mit Carl Philipp Emanuel Bach. Ein musikalisch-biographischer Reiseführer zu seinen Lebensstationen", Lehmanns Media, Berlin.

App

C.P.E.BACH - Klangwelt und Instrumentenbau seiner Zeit (kostenlos)

Links

www.cpebach.de

www.mkg-hamburg.de

www.germany.travel

  • Carl Philipp Emanuel Bach, Pastell von Johann Philipp Bach, Meiningen um 1773.
    foto: sammlung bach-archiv leipzig

    Carl Philipp Emanuel Bach, Pastell von Johann Philipp Bach, Meiningen um 1773.

  • Carl Philipp Emanuel Bachs Taufstein in der Herderkirche in Weimar.

    Carl Philipp Emanuel Bachs Taufstein in der Herderkirche in Weimar.

  • Die Grabplatte C. P. E. Bachs in Hamburg.
    foto: hauptkirche st. michaelis

    Die Grabplatte C. P. E. Bachs in Hamburg.

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