Kate Tempest: Mehr hip geht nicht

29. Mai 2014, 19:12
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Die Südlondoner Künstlerin bewegt sich stilsicher zwischen proletarischer Vorstadtkunst, Theater und Louis Vuitton

Kate Tempest gut zu finden, ist nicht schwer. Die 27-jährige Rapperin und Autorin hat erstens eine mit einem beeindruckenden Südlondoner Akzent ausgestattete große Klappe, mit der genölt wird, dass es eine Art hat. Diese ist in einem Geschäft, das darauf aufbaut, von keinerlei Selbstzweifeln angekränkelt zu sein, natürlich auch von Vorteil. Es heißt nicht nur: Wer schimpft, kauft. Es heißt auch: Wer schimpft, verkauft.

Kate Tempest hat mit jungen Jahren schon eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Bevor jetzt ihr Debütalbum Everybody Down erscheint, hat sie für die Royal Shake speare Company gearbeitet, für Channel 4 oder die BBC. Laut Biografie absolvierte sie auch Gastvorträge zum Thema Lyrik am Gold smiths College der Universität London oder in Yale. Sie hat für Amnesty International gearbeitet. Derzeit wird sie auch als Theaterautorin entdeckt. Ihr aktuelles Stück
Hopelessly Devoted spielt in einem Frauengefängnis.

Kate Tempest performte mit Billy Bragg, Saul Williams oder Femi Kuti. Sie hat aber auch schon für Louis Vuitton irgendwas mit Kunst, Gedicht und Performance gearbeitet. Mehr hip als diese Künstlerin geht eigentlich nicht.

Die Tracks auf Everybody Down wirken dabei nicht nur wie eine würdige Fortsetzung der proletarischen Vorstadtkunst, die zuletzt etwa Mike Skinner unter dem Projekt namen The Streets auf dem formidablen Meisterwerk Original Pirate Material aus dem Jahr 2002 zu einem zentralen musikalischen Statement der Nullerjahre in Großbritannien verdichtete. Kate Tempest mag dabei allerdings bei aller poppig-billigen wie sperrigen Klappcomputer-Beatkunst das Gespür für Hooklines oder bemerkenswerte Melodien fehlen. Zum Aufstieg in die Charts wird es also nicht ganz reichen – zumal sich Tempest ja auch äußerlich wie in ihren Texten weiblichen Stereotypen verweigert.

Mit beeindruckender Wortwucht und einer Sprache, die jederzeit vom Dichterfürst zum Bierkutscher wechseln kann, schildert sie aber das Leben in der Londoner Vorstadt als gleichzeitig sterbende wie unglaublich vitale Angelegenheit, in der Liebe, Tod, Drogen, Saufen, Ficken, Supermarkt und Wohlfahrtsamt, eingebettet in eine Rahmennovelle, ein wundersames Sittenbild ergeben, an dem Tempest 2015 auch in einem ersten Roman weiterarbeiten will. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 30.5.2014)

Kate Tempest – Everybody Down (Big Dada/Hoanzl)

  • Die 27-jährige Rapperin und Autorin Kate Tempest.
    foto: india cranks

    Die 27-jährige Rapperin und Autorin Kate Tempest.

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