Abdelfattah al-Sisi, Ägyptens sechster Präsident

27. Mai 2014, 22:32
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Personifizierung von ägyptischen Sehnsüchten

In einem Traum hat er sich nach eigener Aussage schon vor Jahrzehnten mit Anwar al-Sadat darüber ausgetauscht, dass sie beide früh über ihre Berufung als Präsidenten Ägyptens Bescheid wussten. Nun ist in der Zielgeraden zur Präsidentschaft, und es sei ihm ein besseres Ende als Sadat vergönnt, der 1981 ermordet wurde.

Sisi, der im November sechzig Jahre alt wird, trat zum ersten Mal 2011 nach der Revolution als Sprecher des Höchsten Militärrats in die Öffentlichkeit. Eine seiner ersten Aufgaben war es, die widerlichen Jungferntests zu verteidigen, die die Armee an verhafteten Demonstrantinnen auf dem Tahrir-Platz durchführen ließ: nicht verheiratet und nicht jungfräulich = Prostituierte. Sisi offerierte als Erklärung für das Treiben, dass die Untersuchungen die Frauen vor Vergewaltigung und die Soldaten vor Vergewaltigungsvorwürfen schützen sollten. Die Empörung damals war groß – aber die ägyptischen Frauen haben ihm offensichtlich verziehen.

Sisi, der die durch den Muslimbruderpräsidenten Mohammed Morsi unterbrochene Tradition der Präsidenten mit militärischem Hintergrund wieder aufnimmt, wurde in Kairo in eine einfache, aber aufstrebende Familie geboren. Nach Abschluss der Militärakademie 1977 machte er in den 1980er Jahren diverse Generalstabslehrgänge, auch in Großbritannien. Nach einem Kurs am U.S. Army War College wurde er 2008 Kommandant des Armeebereichs Nord. Zwischendurch diente er auch zwei Jahre als Militärattaché in Saudi-Arabien.

Nach seiner Berufung in den Militärrat 2011 wurde er Chef des Militärgeheimdienstes und im August 2012 Nachfolger des entlassenen Armeechefs und Verteidigungsministers Hussein al-Tantawi. Damals salutierte er vor dem Präsidenten und Oberkommandierenden Mohammed Morsi – den er am 3. Juli 2013 nach Massenprotesten stürzte.

Es dürfte Sisi nicht leichtgefallen sein, die Armee zu verlassen: Im Präsidentenpalast ist er nicht mehr der Gott in Uniform, die Wiedergeburt Nassers, als den ihn seine Anhänger verkitschen – was er nicht ermutigt, aber doch geschehen lässt. Der Vater von vier erwachsenen Kindern, dessen Frau ein Kopftuch trägt, verkörpert die Sehnsucht Ägyptens nach seiner einstigen Größe als Führer der arabischen Welt. Wenn Sisi den Ägyptern etwas mehr Sicherheit und Ordnung geben kann, ist schon viel gewonnen. Vielleicht kommt später auch noch die versprochene Freiheit. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, 28.5.2014)

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