"Hoffentlich bringt es der Gesellschaft ein bisschen was"

31. Mai 2014, 10:00
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Luca Sieger fühlte sich lange nicht wie er selbst. „Fremdkörper“ heißt das Film- und Fotoprojekt der Fotografin Marlene Fröhlich, die den Transmann seit eineinhalb Jahren auf seinem Weg zu einer neuen Identität begleitet

"Was gibt’s sonst noch über mich zu sagen?“ Der 26-jährige Luca Sieger wirkt schüchtern, wenn er über sich selbst redet. Als hätte er die ganze Aufmerksamkeit um seine Person gar nicht verdient. Die Tapeten im Wohnzimmer einer Wiener Altbauwohnung, in der wir sitzen, wirken dabei wie aus einer anderen Zeit. Luca hat sein altes Leben hinter sich gelassen. Hinter seiner ruhigen Art steckt aber eine Menge Entschlossenheit. Entschlossenheit, die er gebraucht hat auf seinem Weg zu einer neuen Identität. Denn Luca war früher eine Frau. Lange Zeit fühlte er sich im falschen Körper.

Tabuthema Transidentität

„Schon als Kind dachte ich mir, dass ich lieber ein Bub wäre“, erzählt er. Damals konnte er seine Identität noch einigermaßen ausleben. "Spätestens in der Pubertät ging’s dann auseinander. Wenn sich der Körper in eine Richtung verändert, die man nicht so gut findet.“ Für ihn war das die schwierigste Zeit, gefangen in seinem eigenen Körper. „Es schien mir oft sehr ausweglos. Eine Zeit lang habe ich mir eingeredet, dass ich es doch akzeptieren kann.“ Er konnte erst spät darüber reden. „Das Thema war in der Öffentlichkeit kaum präsent. Deswegen habe ich im Endeffekt auch so lange gebraucht.“ Lange Zeit schämte er sich sogar. „Es war ein Tabu. Ich habe gedacht, ich bin dann der ewige Freak, wenn ich das mache.“ Vor allem in Internetforen und Facebook-Gruppen informierte sich Luca schließlich über Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Über Behandlungsmethoden und rechtliche Grundlagen. Er sagt: „Irgendwann war mir klar: Wenn sich nichts ändert, werde ich immer unglücklich bleiben.“

fremd koerper
Film "Fremdkoerper"- Teaser Teil 2

Mit 22 Jahren entschied sich Luca dafür, sich nicht mehr zu verstecken und begab sich in therapeutische Behandlung. Erst die Diagnose einer „Geschlechtsidentitätsstörung“ und diverse Gutachten ermöglichen transidenten Personen in Österreich die finanzielle Unterstützung der Krankenkassen. Anfang 2013 ging es los mit der Hormontherapie. Im Jänner dieses Jahres hatte er seine erste große OP in Linz: Er ließ sich Brüste, Gebärmutter und Eierstöcke entfernen. Drei Stunden lang dauerte der Eingriff. „Die Folgeschmerzen waren nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Unten hat es mehr wehgetan als oben“, erinnert sich Luca. In Abständen von drei Monaten verabreicht ihm sein Hausarzt zusätzlich Testosteronspritzen. Die Nebenwirkungen sind Stimmungsschwankungen, unreine Haut, Gewichtszunahme. "Irgendwann hat dann der Stimmbruch eingesetzt. Dann die Haare auf den Beinen, am Bauch, im Gesicht. Aber der Bart dauert am längsten", erklärt Luca.

Letztes Jahr änderte er seinen Vornamen und seinen Personenstand. Dazu brauchte Luca ein Gutachten. "Bei den Ämtern waren die damit eh vertraut", sagt er. In den meisten europäischen Staaten, darunter auch Deutschland und Österreich, können transidente Personen ihren Vornamen ohne geschlechtsangleichende Operation an ihr gefühltes Geschlecht anpassen. Das war nicht immer so: Bis 2006 galt noch der sogenannte "Transsexuellen-Erlass", der unter anderem einen "Scheidungszwang“ bei Personenstandsänderung und eine Begutachtung durch die Wiener Gerichtsmedizin vorsah. Erst 2009 wurde dann infolge eines Urteils des Verwaltungsgerichtshofs auch der Operationszwang – Personenstandsänderung nur mit vorheriger geschlechtsangleichender Operation – abgeschafft.

Von Anfang an ging Luca sehr offen mit seiner neuen Identität um. "Ich habe eine Nachricht an alle geschickt, dass ich ab jetzt Luca genannt werden will. Das war mir lieber als es allen persönlich erklären zu müssen." Die Reaktionen seines näheren Umfelds seien alle positiv gewesen, sagt Luca heute. "Hätte ich nicht gedacht. Auch für meine Mama war es eigentlich keine große Überraschung. Ich hab’ mich ja auch immer geweigert, Kleider anzuziehen."

Fotoprojekt

Auch Marlene Fröhlich bekam vor eineinhalb Jahren diese Nachricht. „Ich wollte alles wissen und habe drauflos gefragt“, sagt die 24-Jährige. Ihre offene Art passte gut zu Lucas natürlichem Umgang mit dem Thema. Sie entscheiden sich dazu, gemeinsam das Film- und Fotoprojekt „Fremdkörper“ zu starten. Marlene begleitet Luca dabei etwa bei OPs und im Alltag. In monatlichen Abständen dokumentiert sie die Veränderungen auch fotografisch. "Seine erste Frage nach der großen OP war, ob seine Frisur passt“, lacht sie.

Doch die beiden verbindet weit mehr als ihr Projekt. Sie kennen sich schon seit der Schulzeit. „Wir konnten uns eigentlich gar nicht leiden“, lacht Luca Sieger. Heute sieht das anders aus: Die Dokumentarfilmerin folgt ihm auf Schritt und Tritt und lernt dabei seine intimsten Ängste und Wünsche kennen. „Anfangs habe ich gedacht, dass ich alles verpasse. Dass er in drei Wochen einen Vollbart hat“, sagt Marlene lachend. Mittlerweile ist klar, dass sie viel Geduld und Ausdauer beweisen müssen. Von Wartezimmer zu Wartezimmer, dutzende Ärzte und Ärztinnen, viele verschiedene Meinungen, dazwischen eine Mischung aus Angst und Euphorie. „Oft habe ich mich hilflos gefühlt“, sagt Luca. "Man stellt es sich einfacher vor.“

"Wächst dir jetzt ein Penis?“

Denn ein Leben zwischen zwei von der Gesellschaft so stark fixierten Welten ist alles andere als einfach. „Die wenigsten trauen sich, Fragen zu stellen“, sagt Luca. Manche der Fragenden sind interessiert, andere vorsichtig, viele einfach ahnungslos. „Wächst dir jetzt ein Penis oder kriegst du den von jemand anderen?“, war zum Beispiel eine davon. Doch Luca beantwortet sie alle, ruhig und geduldig. Er leistet Aufklärungsarbeit auf seine Art, im Alltag, im Umgang mit seinen Mitmenschen.

Marlene und Luca hacken bei ihrer Arbeit nicht so stark auf Begrifflichkeiten rum. Jeder solle sich selbst so definieren, wie er oder sie das gut findet, sagen sie. Luca sagt aber: „Die Bezeichnung ,transident’ finde ich persönlich besser – es hat ja auch nichts mit der Sexualität, sondern der Identität zu tun.“ Marlene ergänzt: „Auch wenn du transident bist, kannst du homo- oder heterosexuell sein, zum Beispiel.“ Mit ihrem Projekt will sie vor allem eins: „Dieses unheimlich widerliche Tabu brechen, das nicht sein muss.“

"Das mediale Bild ist klischeebehaftet"

Der Film wird in etwa ein bis zwei Jahren fertiggestellt. Doch für Luca geht der Weg weiter. Derzeit plant er aber keine weiteren großen Eingriffe – aus Angst vor Komplikationen. „In Österreich gibt es leider keine Ärzte, die in diesem Gebiet viel Erfahrung haben. Doch eine OP im Ausland ist mir zu teuer.“ Eine solche zahlt die Kasse nämlich nicht. „Was kann ich dafür, wenn es in Österreich keine Ärzte gibt?“, fragt sich Luca. Für den Penoidaufbau entscheidet er sich erst, wenn er das Gefühl hat, dass es "gar nicht mehr anders geht.“

Doch er will weiterhin aufrütteln und aufklären. „Das ist mir ein Bedürfnis, weil ich selbst jahrelang viel zu wenig gewusst habe.“ Das Bild über Transfrauen und –männer sei in den Medien sehr klischeebehaftet, weiß Luca. Er ist froh, dass Menschen wie Conchita Wurst im Rampenlicht stehen. "Sie zwingt die Gesellschaft sich mit Geschlechterrollen und den damit verknüpften Identitätsfragen auseinanderzusetzen.“ Sie schaffe zwar nicht primär Bewusstsein für transidente Personen, weil sie selbst keine ist, und Medien sich keine Mühe geben, zu unterscheiden. "Da besteht noch Aufklärungsbedarf und das Feingefühl zu differenzieren. Aber Conchita Wurst fordert schließlich Toleranz für alle und jedes Anderssein ein – und ist somit in jedem Fall ein Gewinn.“

Luca wünscht sich generell mehr Offenheit von der Gesellschaft. Eine Offenheit, die ihn sein lässt, wie er ist. "Schon verschlossener als jetzt“, so war Luca früher. Heute fühlt er sich mehr bei sich selbst. Er ist zufriedener und ausgeglichener geworden. Die Stimmen von außen, die musternden Blicke – all das blendet Luca aus. Er lässt das Negative nicht an sich heran. Auf seine bescheidene und positive Art leistet Luca abseits aller Schubladen wichtige Aufklärungsarbeit: „Hoffentlich bringt unser Projekt der Gesellschaft ein bisschen was." (Jelena Gučanin, 31.5. 2014, daStandard.at)

Zu den Personen

Luca Sieger (26) wurde in Wien geboren. Er schloss Multimedia Arts in der Spengergasse ab und ist für die grafische Gestaltung des Projekts zuständig.

Marlene Fröhlich (24) ist selbstständige Berufsfotografin und Filmemacherin. "Fremdkörper“ ist ihr erster Dokumentarfilm, der in etwa ein bis zwei Jahren fertiggestellt wird. Geplant ist neben dem Film auch eine umfangreiche multimediale Ausstellung, in der Lucas körperliche Veränderungen vor allem fotografisch dokumentiert werden. Unterstützt werden sie bei ihrem Projekt vom Fotografen Günter Menzl, der Make-Up-Artistin Beatrice Rösch und dem Sounddesigner Manuel Bachinger. Das Projekt finanzieren sie aus eigener Tasche.

Link

Homepage und Facebook-Seite des Film- und Fotoprojekts "Fremdkörper"

  • Die Filmemacherin Marlene Fröhlich (li.) begleitet Luca auf seinem Weg zum Mann. Mit ihrem Projekt will sie eines erreichen: "Dieses unheimlich widerliche Tabu brechen, das nicht sein muss.“
    foto: marlene fröhlich

    Die Filmemacherin Marlene Fröhlich (li.) begleitet Luca auf seinem Weg zum Mann. Mit ihrem Projekt will sie eines erreichen: "Dieses unheimlich widerliche Tabu brechen, das nicht sein muss.“

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