Wo Piketty wahrscheinlich irrt

Blog2. Juni 2014, 16:12
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Dass die Ungleichheit gestiegen ist, dürfte trotz Zahlenfehlern stimmen, die Prognosen aber nicht

Ich bin nicht in der Lage zu beurteilen, wie berechtigt die jüngste Kritik des "Financial Times"-Journalisten Chris Giles am Zahlenwerk in Thomas Pikettys Bestseller "Capital in the 21st Century" ist. Dass in den Dutzenden Tabellen einige Fehler aufgetreten sind, ist nicht überraschend.

Aber was Giles bisher als Beispiel für falsche Daten angeführt hat, erscheint mir - und vielen anderen - als zu wenig bedeutsam, um Pikettys Grundthese von der wachsenden Ungleichheit in Westeuropa und den USA infrage zu stellen. Wenn Giles nun im Gegenzug behauptet, die Ungleichheit habe seit 1970 in Europa kaum zugenommen, dann klingt das einfach nicht richtig.

Steuerdaten statt Haushaltseinkommen

Schon vorher haben andere Kritiker auf Unschärfen in Pikettys Datenanalyse hingewiesen. So verwendet er in erster Linie individuelle Steuerdaten, nicht die relevanteren Haushaltseinkommen. Er ignoriert Sozialleistungen, die für die unteren Schichten oft einen Großteil des Einkommens ausmachen.

Andere Kommentatoren verwiesen auf die schwammige Definition von Kapital, unter dem Piketty in erster Linie finanzielle Vermögenswerte versteht und nicht jenes physische oder humane Kapital, das in der Ökonomie meist verwendet wird. Aber auch das ändert wenig an seiner Grundthese.

Ein ehernes Gesetz

Meine persönlichen Zweifel an Pikettys Monumentalwerk beziehen sich viel mehr auf seine deterministischen Prognosen, wonach der Anstieg der Ungleichheit notgedrungen weitergehen wird. Piketty wiederholt dabei immer wieder sein ehernes Gesetz des Kapitalismus: r > g.

Demnach liegen Kapitalrenditen immer über der Wirtschaftswachstumsrate, weshalb die Eigner des Kapitals ihren Vorsprung gegenüber dem Rest der Gesellschaft immer weiter ausbauen können.

Die Nachkriegszeit war anders

Piketty begründet das mit empirischen Daten und stellt es dann als unabänderliches Faktum da. Die einzige Ausnahme von diesem Trend sei die Zeit von 1914 bis 1980 gewesen, als Kriege, Wirtschaftskrisen und eine progressive Wirtschaftspolitik die Kapitalerträge deutlich verringert hätten, während der Wiederaufbau der Nachkriegszeit die Wachstumsraten in die Höhe schraubte.

Er geht fest davon aus, dass Kapital immer zwischen vier und sechs Prozent Rendite abwirft und dass große Vermögen schneller wachsen als kleinere, weil sich die Reichen eine bessere Vermögensverwaltung leisten können.

Wie einst die Versprechen der Banken

Bei ehernen Gesetzen des Kapitalismus und der Finanzmärkte sollte man immer vorsichtig sein. Das gilt für Jubel- genauso wie für Untergangsszenarien.

Diese konkrete Prognose erinnert mich allzu sehr an die Versprechen von Banken, Vermögensverwaltern und gewissen Finanzministern in den 1990er- und 2000er-Jahren, als es etwa um die Chancen einer privaten Pensionsvorsorge ging. Wie wir heute nach mehreren Krisen wissen, konnten die Finanzmärkte diese Zusagen nicht einhalten.

Und historisch gesehen ist es einfach unmöglich, dass Kapital immer so viel abwirft, wie Piketty behauptet. Mit dem Zinseszinseffekt wären selbst kleine Vermögen seit der Zeit des Römischen Reiches so gewachsen, dass ihnen heute die ganze Welt gehören könnte. Kapital wurde nicht nur im 20. Jahrhundert vernichtet, sondern in jeder Epoche. Und das wird wohl auch in Zukunft wieder passieren.

Niedrige Zinsen ändern vieles

Dafür braucht man gar keine Kriege. Piketty etwa geht mit keinem Wort auf die Frage des Zinsniveaus ein, das gerade jetzt relevant ist. Denn in Zeiten sehr niedriger oder gar negativer Realzinsen kann das Kapital nicht so viel abwerfen wie sonst.

Zwar profitieren Aktienkurse und Immobilienpreise von niedrigen Zinsen, aber diese Zuwächse sind verbunden mit höheren Marktrisiken, haben Blasencharakter und sind daher nicht nachhaltig.

Wenn die Zinsen weiter niedrig bleiben, wonach es derzeit aussieht, weil die Staaten auf diese Weise am leichtesten ihre Schulden abbauen können, dann wird Kapital in Zukunft viel weniger abwerfen als in den vergangenen 30 Jahren. Dann stimmt Pikettys ganze vorausschauende These nicht.

Auswirkungen der Globalisierung

Waren vielleicht die letzten 30 Jahre die Ausnahme von der Regel? Es gibt auch eine andere Erklärung dafür, dass in der Zeit von 1850 bis 1914 und seit 1980 Kapitaleigner so viel gewonnen haben und die Ungleichheit dadurch gestiegen ist: Dies waren Phasen einer intensiven Globalisierung des Welthandels und der Finanzströme.

Wenn protektionistische Schranken niedergerissen werden und Staaten mehr miteinander handeln, hat das massive Auswirkungen auf die Ungleichheit. Das haben einst die Ökonomen Wolfgang Stolper und Paul Samuelson in ihrem Stolper-Samuelson-Theorem dargelegt. Unverständlicherweise erwähnt Piketty das mit keinem Wort.

Wo Kapitaleigner gewinnen

Bei der Öffnung gewinnen in den reichen Ländern die Kapitaleigner, weil sie neue Märkte gewinnen, während die einfachen Arbeiter durch den Wettbewerb der Billiglohnländer verlieren. Das erhöht die Ungleichheit.

In den armen Ländern ist es genau umgekehrt: Die Zahl der Industriejobs nimmt zu und gibt den Armen mehr Einkommen, während die alteingesessenen Unternehmen sich mit neuer ausländischer Konkurrenz herumschlagen müssen und ihre Monopolrenten verlieren.

Weniger Ungleichheit in Schwellenländern

Als Folge müsste in den Industriestaaten durch die Globalisierung die Kluft zwischen Arm und Reich wachsen und in den Schwellenländern wie Brasilien und Indien tendenziell zurückgehen. Und genau das konnte man in den vergangenen Jahren beobachten.

Bloß China ist eine Ausnahme, weil der Maoismus eine künstliche Gleichheit geschaffen hat. Aber nach manchen Studien geht die lange gestiegene Ungleichheit auch dort seit 2008 wieder zurück.

Und insgesamt ist die Welt durch den dramatischen Anstieg der Pro-Kopf-Einkommen in China – und mit Abstrichen auch Indien – gleicher geworden, als sie es vor 30 Jahren war. Auch dieser globale Aspekt geht in Pikettys Analyse, die sich nur mit Europa und Nordamerika beschäftigt, unter.

Globalisierung auf dem Höhepunkt

Wenn man nun davon ausgeht, dass die Globalisierung mit ihrer internationalen Arbeitsteilung - vor allem mit China - ihren Höhepunkt erreicht hat und sich kaum noch weiter intensivieren lässt; und wenn man dazu nicht rechnet, dass die Zinsen auf Jahre niedrig bleiben, dann werden Kapitalvermögen weit langsamer wachsen als bisher. Und dann dürften Pikettys Prognosen einer weiteren Verschärfung der Ungleichheit nicht eintreffen.

Andere Faktoren könnten wieder die Ungleichheit verschärfen, etwa die Entwicklung neuer Technologien, die viele Arbeitsplätze obsolet machen. Aber das ist nicht unabdingbar und nicht so klar berechenbar, wie Piketty es in seinem Buch versucht.

Bloß eine weitere Stimme

Das spricht nicht gegen Pikettys politische Forderung nach Vermögenssteuern, aber macht sein Werk bloß zu einer weiteren Stimme in einer laufenden Diskussion und nicht zu einem großen intellektuellen Durchbruch.

Und auch wenn der Franzose den Vergleich vehement ablehnt, tritt er mit seinem überehrgeizigen Zugang in die Fußstapfen von Karl Marx, der die soziale Lage im späten 19. Jahrhundert zwar haarscharf analysierte, aber die Dynamik des Kapitalismus nicht verstand. (Eric Frey, derStandard.at, 28.5.2014)

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