Die Giganten der Tiefsee

29. Mai 2014, 11:37
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Die Augen von Riesenkalmaren können 30 Zentimeter Durchmesser haben - Sie sind das evolutionäre Ergebnis einer Verfolgung

Wien - Ihre Größe und ihre versteckte Lebensweise beflügeln die Fantasie: Riesenkalmare (Architeuthis dux) kommen fast weltweit in den Tiefen der Ozeane vor. Ihre Körperlänge kann mehr als zwei Meter betragen, ihr Gewicht mehr als 200 Kilo. Der im Südpolgebiet lebende Koloss-Kalmar (Mesonychoteuthis hamiltoni) bringt manchmal sogar mehr als 500 Kilo auf die Waage. Der Wissenschaft gelingt es nur langsam, diesen Kreaturen ihre Geheimnisse zu entlocken.

Ein spanisch-italienisches Forscherteam hat nun die Ernährungsgewohnheiten der Riesenkalmare untersucht. Die Experten analysierten die Mageninhalte von insgesamt sieben Tieren, die in den vergangenen Jahren an den Küsten der Iberischen Halbinsel gefangen oder angespült wurden, und verglichen die Ergebnisse mit bereits publizierten Daten von Exemplaren aus irischen, neuseeländischen und südafrikanischen Gewässern. Demnach stellen Fische für Architeuthis dux erwartungsgemäß die wichtigste Nahrungsressource dar, aber die Riesen scheinen auch eine gewisse Vorliebe für das Verspeisen kleinerer Tintenfische zu haben.

Interessanterweise jedoch nehmen die Giganten der Tiefsee vor allem kleine Bissen zu sich. Bei den sieben iberischen Riesenkalmaren hatte das größte in einem Magen gefundene Beutestück eine Länge von circa 34 Zentimetern, das kleinste war rund zwölf Zentimeter lang. Der Verdauungszustand machte eine präzise Vermessung unmöglich. Auf dem Speiseplan stehen unter anderem Blauer Wittling und Gabeldorsch - Massenarten, die nur wenige Dezimeter lang werden. "Unserer Untersuchung zufolge macht Architeuthis vor allem Jagd auf Schwarmfische und verfolgt dabei eine Hinterhaltstrategie", sagt Studienleiter Ángel Guerra vom spanischen Meeresforschungsinstitut CSIC. Das aktive Verfolgen größerer Tiere könnte die Riesenkalmare zu viel Energie kosten.

Mesonychoteuthis hamiltoni scheint sich ähnlich zu verhalten. Zwar ernähren sich die gewaltigen Mollusken einer früheren Studie zufolge zu einem wesentlichen Teil von ausgewachsenen Schwarzen Seehechten, doch ihr Energieverbrauch ist laut Berechnungen der Stoffwechselexperten Rui Rosa und Brad Seibel erstaunlich gering. Im eiskalten Tiefenwasser bei Temperaturen von etwa 1,5 °C benötigt ein 500 Kilogramm schwerer Koloss-Kalmar nur 45 Kilokalorien pro Tag, was circa 30 Gramm Fischfleisch entspricht (vgl.: "Journal of the Marine Biological Association of the UK", Bd. 90, S. 1375). Die Großtintenfische dürften also auch bei geringem Jagderfolg satt werden.

Das Geheimnis des Riesenwuchses der beiden Kalmare ist damit allerdings nicht gelöst. Wenn Größe keine zusätzlichen Vorteile beim Beutefang und bei der Nahrungsversorgung bietet, wozu hat sie die Evolution dann hervorgebracht? Dan-Eric Nilsson hat eine mögliche Antwort. Der an der schwedischen Universität Lund tätige Biologe führte gemeinsam mit einigen anderen Forschern eine Analyse des Sehpotenzials der zwei Tintenfischarten durch und machte dabei eine faszinierende Entdeckung. Die Giganten haben bekanntlich die größten Augen im gesamten Tierreich. Ihr Durchmesser kann bis zu 30 Zentimeter betragen. Die Augen eines Blauwals sind nur ein Drittel so groß.

Man könnte vermuten, dass die riesigen Sehorgane in der dunklen Tiefsee das Aufspüren von Futterfischen oder potenziellen Geschlechtspartnern erleichtern, doch dafür scheinen auch bescheidenere Maße zu genügen. Schwertfische dringen in ähnliche Tiefen wie die Großmollusken vor und verfügen auch tatsächlich über beeindruckend große Augen, aber einem Vergleich mit der Ausstattung der Kalmare halten sie nicht stand. Des Rätsels Lösung, vermutet Dan-Eric Nilsson, liegt wahrscheinlich bei den allergrößten Raubtieren der Weltmeere: den Pottwalen. Sie sind auf die Tintenfischjagd spezialisiert und stellen für Riesen- und Koloss-Kalmare die größte Bedrohung dar. Und so ist es wohl zu einer bemerkenswerten Form des Wettrüstens gekommen.

Pottwal ortet durch Schall

Pottwale orten ihre Beute durch hochfrequenten Schall, der wie ein Sonar funktioniert. Die Meeressäuger können damit sogar kleine Tintenfische über eine Entfernung von mehreren hundert Metern entdecken und sich heranpirschen. Dabei werden sie allerdings von anderen Lebewesen verraten. Die Schwimmbewegungen der Wale veranlassen Planktonorganismen dazu, Leuchtsignale abzugeben. Eine übliche Schreckreaktion, die jedoch von den Kalmaren gesichtet werden kann. Je größer die Augen, desto eher, betont Nilsson. "Der Trick ist, dass man, um etwas sehr Großes sehen zu können, eine sehr grobe Pixelverteilung braucht." Nur so lassen sich die winzigen Lichtmengen effektiv einfangen und im klaren Kontrast gegenüber dem Hintergrund erkennen.

Die Pixel im Tintenfischauge bestehen aus zahlreichen einzelnen Rezeptoren, deren empfangene Reize von einer Nervenbahn zusammengefasst und an das Gehirn weitergeleitet werden. Idealerweise wird die gesamte Leuchtwolke eines heranschwimmenden Pottwals von einem einzigen Pixel als zusammenhängendes Gebilde erfasst, anstatt von mehreren als diffuse Einzelsignale. So kann den Berechnungen von Nilsson und Kollegen zufolge ein Riesenkalmar seinen Gegner auf 120 Meter Distanz orten (vgl.: "Current Biology", Bd. 22, S. 683). Das gäbe dem Tier vermutlich noch genug Gelegenheit zu entkommen.

Der Riesenwuchs von Architeuthis dux und Mesonychoteuthis hamiltoni wäre demnach das evolutionäre Ergebnis ihrer Verfolgung durch Wale. Die Körpergröße ermöglicht die Entwicklung der enormen Augen mit entsprechenden Sehfähigkeiten und auch die Bildung eines starken Muskelapparats zur schnellen Flucht. Beides erhebliche Selektionsvorteile.

Die Pottwale bevorzugen bestimmt die Großtintenfische, sagt Dan-Eric Milsson, aber in den Walmägen wurden deren Überreste nur eher selten gefunden. Anscheinend müssen sich die Meeressäuger meist mit kleinerer und leichter zu fangender Beute zufriedengeben. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 28.5.2014)


Abstracts

  • Um die Existenz der riesigen Kalmare ranken sich viele Legenden.
    illustration: science photo library/corbis

    Um die Existenz der riesigen Kalmare ranken sich viele Legenden.

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